Der Iden des März gilt als der Tag, an dem Julius Caesar im Jahr 44 v. Chr. ermordet wurde. Caesar wurde während einer Senatssitzung erstochen. Laut Plutarch [1]hatte ein Seher vorhergesagt, dass Caesar am Iden des März Unheil widerfahren würde.
Noch bevor das verhängnisvolle Datum in diesem Jahr erreicht war, haben uns nicht weniger schicksalhafte Ereignisse heimgesucht. Ohne einen Seher zu bemühen zu müssen, waren die Zeichen an der Wand schon lange eine deutliche Warnung für alle, die nicht völlig blind waren. Diese katastrophalen Ereignisse, deren Epizentrum der Iran ist, haben sich seit langem angebahnt.
In seinen Memoiren schildert der pensionierte US-General Wesley Clark ein Gespräch [2],das seinen Angaben zufolge Ende 2001 im Pentagon stattfand. Ein höherer Offizier zeigte ihm ein Memo, in dem eine Strategie für “Regime Change Operationen” in sieben Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren skizziert wurde – beginnend mit dem Irak und fortgesetzt mit Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und schließlich dem Iran. Clark selbst kritisierte später den Irakkrieg und die gesamte interventionistische Strategie.
1 Die Iran-Falken
Die Liste der Iran-Hardliner ist jedoch länger und zieht sich wie Stacheldraht durch die US-Politik der letzten Jahrzehnte: 1990 → 2001 → 2003 → 2018 → heute.
Die offizielle US-Politik schwankte immer wieder zwischen Sanktionen, Zwangsmaßnahmen und Verhandlungen. Doch eine hartnäckige, kriegerische Gruppierung versuchte immer wieder, den Iran nicht als Verhandlungspartner, sondern als ein Regime darzustellen, das es zu zerschlagen, zu ersetzen oder nachhaltig zu schwächen gelte.
Einige der einflussreichsten Iran-Falken und ihre Rolle:
- Lindsey Graham: Graham repräsentiert seit Langem den Hardliner-Flügel im US- Senat. In jüngsten offiziellen und öffentlichen Äußerungen plädierte er für eine Konfrontation mit dem iranischen Regime, betonte die Notwendigkeit, notfalls mit Gewalt einzugreifen. Er setzte seine eskalierende Rhetorik über die Zukunft Irans in den Jahren 2025–2026 fort. Damit ist er weniger ein technokratischer Verfechter von Sanktionen als vielmehr ein politischer Akteur, der auf erzwungene Eskalation setzt [3].
- John Bolton: Bolton ist wohl das deutlichste zeitgenössische Beispiel eines erklärten Iran-Hardliners. Er hat wiederholt argumentiert, dass der Sturz des iranischen Regimes der effektivste Weg sei, die von ihm ausgehende Bedrohung zu beseitigen, und wird seit langem eher mit der Befürwortung eines Regimewechsels als mit Rüstungskontroll- oder Entspannungsansätzen in Verbindung gebracht [4].
- Mike Pompeo: Pompeos Rolle war eine andere. Als Außenminister machte er maximalen Druck zur operativen Doktrin und nutzte Sanktionen und diplomatische Isolation als Instrumente extremen Zwangs. Ob dies einem erklärten Regimewechsel gleichkam, ist umstritten, doch seine Politik stärkte das Lager der Hardliner erheblich, indem sie umfassenden Druck auf den Iran zur normalen Washingtoner Grundhaltung machte [5].
- Tom Cotton: Cotton gehört dem Flügel im Kongress an, der konsequent eine deutlich härtere Linie gegenüber dem Iran vertritt und weithin mit Sanktionen, Abschreckung und der Bereitschaft zu militärischen Optionen in Verbindung gebracht wird. Innerhalb des Netzwerks der Iran-Hardliner besteht seine Rolle darin, die im Kongress geforderte Linie politisch präsent zu halten und deren Abschwächung zu erschweren [6].
- Benjamin Netanjahu, der nicht zu den klassischen Iran-Hardlinern zählt,ist – wie Analysten vielfach diskutieren – wohl der wichtigste Einflussfaktor der US-Außenpolitik. Er argumentiert seit Langem, dass Irans Atomprogramm eine existenzielle Bedrohung für Israel darstelle und fordert ein entschiedenes Vorgehen, um es zu stoppen. (Israels eigenes, zwar geheimes, aber dennoch wohlbekanntes Atomwaffenprogramm wurde hingegen als völlig gerechtfertigt angesehen.) Damit übte er einen beinahe magischen Einfluss auf die US-Entscheidungsträger aus. Israelische Lobbyarbeit spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Vereinigten Staaten in Richtung Konfrontation zu drängen.
Die Falken hatten Erfolg, das grausame Spiel ist eröffnet. So wird der siebte Lauf des großen amerikanischen Fleischwolfs die Zerstörung des Nahen Ostens, wie wir ihn kannten, endgültig besiegeln – allerdings nur als Zwischenstopp auf dem Weg zu noch viel größeren und ambitioniertere Zielen.
2 Persien – Eine persönliche Beziehung
Man schrieb das Jahr 1970. Im hoffnungsvollen Alter von 18 Jahren, voller jugendlichem Optimismus, mit kaum zu zügelndem Wissensdrang und viel naiver Energie, war ich gerade aus der behüteten Welt des Gymnasiums entlassen worden.
Ich beschloss eine große Reise in den "Orient" zu unternehmen, über den ich so viel gelesen hatte. Da ich wider alle Erwartungen die Abiturprüfung mit einem recht passablen Ergebnis abgeschlossen hatte, bekam ich von meinen Eltern als Anerkennung einen 10 Jahre alten VW-Bus geschenkt.
Den baute ich mir zum Expeditionsfahrzeug um, versah seine Stirn mit den mit Hilfe von Klebebuchstaben mit dem Schriftzug "Hamburg - Kathmandu", gewann meine Freunde Bernd und Kurt für das große Abenteuer und fragte meine Freundin Regina, ob sie Lust auf eine kleine Reise nach Nepal hätte. Regina musste erst den Atlas konsultieren, hat dann, von Ängsten gepeinigt, die ganze Nacht lang geweint und am nächsten Morgen schließlich "Ja" gesagt.
Ich erinnere mich noch gut an den Augenblick als wir nach langen Tag- und Nacht-Fahrten die Grenze zum Iran passierten - wir betraten eine neue, eine andere Welt.
Das war spürbar.
Auf der langen Reise durch das, seit dem Völkermord an den Armeniern um 1919 verwüstete, Ost-Anatolien hatten die großen, blauen Straßenschilder mit der Aufschrift "Iran Hududu" am Rand der großen anatolischen Fernstraße im 10-km-Rythmus in uns die Hoffnung genährt, dass der unerwartete Unterricht im Slalom-Fahren um die vielfältigen Schlaglöcher möglicherweise bald sein Ende finden würde.
Und in der Tat, es war eine Offenbarung. Zwar waren die Iraner, anders als die eher bodenständigen Bewohner auf der türkischen Seite der Grenze, schon immer gut darin gewesen eine große Show zu veranstalten. Dennoch spürten wir intuitiv, dass da mehr war: der Hauch einer großen, Jahrtausende alten Kultur, deren staatliche Kraft mehrfach gebrochen und geschunden wurde, deren prägende Kultur aber alle Demütigungen von Ost und West überlebt hatte.
Dieses große Land empfing uns mit seinen weiten Tälern der Hochebene an deren Grunde, schon über weite Entfernungen hin sichtbare, opulent hell erleuchtete Städte lagen. Links und rechts der hier noch perfekten Highways lagen Dörfer aus verstreuten Lehmbauten, unter Pappeln als Charakterbaum geduckt, zwischen denen Nebelschwaden poetische Bilder zeichneten.
Unsere euphorische Grundstimmung fanden wir bald erwidert von der erwartungsvollen Offenheit und der unglaublichen Gastfreundschaft der Bevölkerung. Poesie lag nicht nur über dem Landschaftsbild. Wir haben gesehen, wie sich am Nachmittag Familien um das Radio versammelten, um den dort vorgetragenen Gedichten zu lauschen, an denen die persische Kultur so reich ist.
Diesen Schatz wollte ich mir erschließen. So habe ich Monate später, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, das Studium der Iranistik als zweiten Hauptstudiengang neben der Chemie aufgenommen. Ich hatte das große Glück im kleinen Kreis von dem renommierten Shanameh-Experten Professor Djalal Khaleghi-Motlagh [7], einer lebenden Legende, unterrichtet zu werden. Wenig überraschend war das Ergebnis meiner Arbeiten schließlich das erste Deutsch-Persische Wörterbuch des alten Neu-Persisch basierend auf dem Glossar von Fritz-Wolff. Das Ergebnis ist online und hier (Horst Walthers Deutsch-Persisches Wörterbuch) [8] einzusehen.
Danach hat mich dieses faszinierende Land nicht mehr losgelassen. Auch weniger erfolgreiche Unternehmungen wie “Die große Rödelei” [9] (The Great Boondoggle) haben ihre literarischen Spuren hinterlassen.
Mein letzter Besuch im Iran war 1979, in dem Jahr, als Schah Reza Pahlavi gestürzt wurde und Ayatollah Khomeini seine blutige Revolution begann.
Für freie Verpflegung und ein kleines Handgeld hatte ich in dreieinhalb Tagen einen nagelneuen BMW in abenteuerlicher Fahrt noch knapp vor dem festgelegten Termin, dem Nowruz-Fest, nach Tehran gefahren und war nun mit Bahn und Bus auf den Spuren der Zoroastrier im Land unterwegs.
Eine typische vorrevolutionäre Stimmung war überall im Land und durch sehr unterschiedliche Gesellschaftsschichten spürbar. Ich fühlte mich wiederholt an eine Situation von vor etwa 200 Jahren in Frankreich erinnert. Jede Person, mit der ich sprach – oder besser gesagt, die mit mir sprach, war aus einem anderen Grund und mit anderen Erwartungen für einen großem Umbruch.
Da war ein Muslim-Bruder aus Täbris, der bei Unruhen einen Verwandten verloren hatte, ein desertierter Rekrut, der wieder zu seinen Eltern nach Hause wollte und ein Kaufmann, dem die verbreitete Korruption das Leben schwer machte – die Liste ließe sich fortsetzen.
Erst später erfuhr ich, dass dies kein Zufall war, sondern ein wiederkehrendes Muster von Revolutionen.
Als junger Mann war ich fasziniert von der ungewöhnlichen Kombination aus fast unwirklicher Schönheit, Intelligenz, Selbstbewusstsein und Wissen der iranischen Frauen und Mädchen – und ein wenig frech waren sie auch.
Mit dem Ende der Nowruz-Feiertage am Sisda (dem 13.) musste ich zurück nach Teheran – alle anderen Feiertagsausflügler aber auch. Keine Chance, ein Ticket zu bekommen. Zum Glück war Trampen damals üblich – aber anders als bei uns. Normalerweise zahlte man, wenn man mitgenommen wurde, den üblichen Preis für ein Busfahrt. Dafür musste man aber auch nicht lange warten. So kam es, dass mich zwei Jetpiloten der iranischen Armee am Straßenrand in Shiraz auflasen. Es war eine ruhige und sachliche Angelegenheit mit diesen beiden pragmatischen Typen. Doch als unsere lockeren Gespräche auf die persische Poesie kamen, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Es war, als hätte ich ihre sensible Seele berührt, die sich hinter ihrer professionellen Fassade verbarg. War von Fahrpreis die Rede gewesen? Nein, daran konnte sich niemand erinnern. Und da ihre Reise in Isfahan endete, vollbrachten sie noch das Wunder, mir ein Busticket nach Teheran zu besorgen. Natürlich luden sie mich unterwegs auch zum Essen ein.
3 Der Revolutionen unerbittliches Muster
Ähnliche Eindrücke, wie ich sie hatte, spiegeln die zentralen Erkenntnisse dreier Denker – zwei aus der Zeit der Französischen Revolution und ein zeitgenössischer –sie wider …
- “Revolutionen entstehen aus vielen zusammenwirkenden Ursachen und Missständen” (Edmund Burke 1790) [10],
- “Politische Allianzen entstehen oft eher durch gemeinsame Opposition als durch gemeinsame Ziele.” (Alexis de Tocqueville, 1856) [11]oder
- ”Die Revolution war eine Koalition von Gruppen, die unterschiedliche Zukunftsvorstellungen hatten” (François Furet, 1978) [12]
Die Beweggründe waren völlig unterschiedlich, daher war kein harmonisches Ergebnis zu erwarten.
Eine bemerkenswert ähnliche, bekannte Formulierung stammt von Ervand Abrahamian, einem bedeutenden Historiker der iranischen Revolution: “Die Revolution brachte Gruppen mit sehr unterschiedlichen Ideologien und Erwartungen zusammen”.[13]
Und genau das geschah. Und genau deshalb konnte es, wie bei den meisten Revolutionen, auch nicht gut enden.
Das allgemeine historische Muster sieht wie folgt aus:
- Viele Gruppen vereinen sich gegen ein Regime.
- Das Regime stürzt.
- Die Koalition zerfällt, weil jede Fraktion eine andere Revolution erwartet hat.
Historiker bezeichnen dieses Phänomen mitunter als “Dynamik revolutionärer Koalitionen”. Dieses Muster zeigte sich nicht nur in Frankreich und im Iran, sondern auch in der Russischen Revolution (1917) und der Ägyptischen Revolution von 2011. Über die gemeinsamen Muster von Revolutionen ließe sich noch viel mehr sagen. Es gibt dazu aufschlussreiche Forschungsergebnisse. Daher verdient dieses Thema einen eigenen Beitrag – aber später.
Und es sieht so aus, als könnte sich die Geschichte wiederholen. Erneut sind große Teile der iranischen Gesellschaft – aus gutem Grund, aber wieder mit sehr unterschiedlichen Erwartungen – äußerst unzufrieden mit ihrer repressiven Regierung. Die Erinnerung an die Operation Ajax ist fast zwangsläufig. Damals handelte es sich um eine von der CIA und Großbritannien geführte Operation, die am 19. August 1953 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh stürzte.
Ausgelöst durch Mossadeghs Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie, stellte der Staatsstreich die Macht des Schah Mohammad Reza Pahlavi wieder her und festigte die westliche Kontrolle über das iranische Öl. Der tiefe Unmut über die missachtete Iranische Souveränität, trug schließlich wesentlich zur Islamischen Revolution von 1979 bei.
4 Wird sich die Geschichte wiederholen?
Tatsächlich wird der Sohn des damaligen Schahs Reza Pahlavi von interessierten Kreisen als neuer Führer eines wiedereroberten Irans gehandelt. Diesmal würde er von CIA und Mossad eingesetzt, allerdings vermutlich erst nach der vollständigen Zerstörung dessen, was wir als Iran kennen. Nach 73 Jahren würde damit ein Superzyklus zu Ende gehen – und das Leid des iranischen Volkes unter neuer Führung weitergehen.
Und das wäre noch nicht einmal das schlimmste Szenario. Wie die Beispiele Somalia, Libyen, Irak und Syrien zeigen, könnte die Lage weitaus düsterer sein.
Libyen, das unter Muammar al-Gaddafi einen hohen Lebensstandard genoss, wo sich Frauen frei und gleichberechtigt bewegen konnten und wo das gesellschaftliche Leben (solange man nicht in Opposition zur Regierung stand) sicher und wirtschaftlich abgesichert war, ist heute ganz klar ein gescheiterter Staat, der von Warlords regiert wird und in dem Migranten, die die gefahrvolle Reise durch die Sahara überlebt haben, wegen ihrer Organe geschlachtet werden.
Irak und Syrien, die ihren Bürgern – ähnlich wie Libyen – einen hohen Lebensstandard mit Gleichberechtigung von Frauen und Männern garantieren konnten, sind in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters zurückgefallen, geprägt von religiösem Sektierertum und einem niedrigen zivilisatorischen Niveau. Der Irak entging nur knapp einer Übernahme durch den sogenannten “Islamischen Staat”. Die hinterlassenen Narben werden wohl nie verheilen. Syrien, das nun von der Türkei kontrolliert wird, wurde de facto vom Islamischen Staat eingenommen. Damit scheint das Schicksal von 40 % der Bevölkerung: Alawiten, Kurden, Drusen und Christen besiegelt.
Nein, ich wage keine Prognose. Doch es dürfte klar sein, dass sich die Situation im Iran heute in vielerlei Hinsicht von der im Jahr 1953 unterscheidet. Die iranische Gesellschaft ist politisch tief gespalten, und das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und untereinander hat erheblich nachgelassen.
Und es herrscht Krieg.
Es ist eine uralte, traurige Wahrheit: In Kriegszeiten steht das Volk geeint “wie ein Mann” hinter seiner Führung. Innenpolitische Differenzen werden bis nach dem Krieg aufgeschoben. Damit lässt sich gut, von Skandalen und schlechter Führungsleistung ablenken. Das gilt in diesem Fall für alle drei Hauptkriegsparteien: Israel, die USA und Iran.
5 Ein neuer Verrat bahnt sich an
Da der von den USA so dringend ersehnte “Regimewechsel” auf diesem Wege offensichtlich nicht zu erreichen ist, ruft Donald Trump nun die Kurden des Iran und des Irak auf, die US-Bemühungen im Iran zu unterstützen und bietet ihnen Hilfe an.
Abgesehen davon, dass es wie ein Akt der Verzweiflung klingt, wäre es kollektiver Selbstmord. Die Kurden in ihrer Region Rojava in Syrien haben gerade erst am eigenen Leib erfahren, wie solche Aktionen enden. Nachdem die Kurden ihre “Pflicht erfüllt” hatten, wurden sie der Türkei ausgeliefert, dem berüchtigten Schlächter der Kurden, Armenier und Griechen im eigenen Land.
Genau dieses Szenario dürfte sich nun wiederholen. Recep Tayyip Erdoğan hat vermutlich bereits von Donald Trump freie Hand erhalten, die Kurden im Iran zu unterwerfen und gleichzeitig einen Großteil des Landes seinem Reich einzuverleiben. Sein treuer Verbündeter in Aserbaidschan wartet schon länger darauf, die gleichnamige iranische Provinz zu integrieren. Das so entstehende Großreich der Turkvölker könnte dann endlich die Vision Mehmets II von vor fast 600 Jahren verwirklichen: die islamische Eroberung Roms.
6 Zynismus und Heuchelei auf ihrem Höhepunkt
Ich habe die Illusionen, die die Islamische Revolution von 1979 befeuerten, selbst beobachten können. Und ich muss mich jetzt daran erinnern, wenn ich die Ausbrüche von Jubel und die Euphorie in Aufnahmen von Exil-Iranern im sicheren Ausland oder sogar im Iran sehe, wenngleich viele Zweifel an ihrer Echtheit bestehen.
Wieder einmal werden die Erwartungen bitter enttäuscht werden. Es ist keine “Hilfe unterwegs”, wie der “Friedenspräsident” [14]so großspurig versprochen hatte. Das war nichts als purer, menschenverachtender Zynismus.
Stattdessen fegen die vier apokalyptischen Reiter durch das Land – und vielleicht auch darüber hinaus – und bringen Verwüstung, Krieg, Hunger und Tod.
Niemand befreit ein Volk, indem er sein Land zerstört. Dem Welt-Hegemon geht es noch nicht einmal vorranging um den Iran, geschweige denn um dessen geschundenes Volk. Sein Ziel ist es, die aufstrebende Weltmacht China zu nieder zu ringen – und von innenpolitischen Streitigkeiten (wie den Epstein-Papieren) abzulenken.
Genau wie damals, als der Ruf ertönte: “Der Schah ist gestürzt”, so steht uns jetzt, nach “Khamenei ist tot”, das Schlimmste noch bevor.
“Das nächste Kapitel der iranischen Geschichte wird jedoch nicht allein von ausländischen Mächten, dem Klerus oder der Protestbewegung geschrieben werden. Es wird aus dem Zusammenwirken all dieser Kräfte – interner und externer, historischer und unmittelbarer Art– hervorgehen”, kommentierte Mahjoob Zweiri, Akademiker und leitender politischer Analyst mit Spezialisierung auf Iran und Nahostpolitik.[15]
Mein verehrter Mentor, Professor Khaleghi-Motlagh, nutzte oft die Metapher des Qanats, jener historischen unterirdischen Wasserleitungen, um die persische Kultur zu beschreiben: ein verborgener, unterirdischer Strom uralter Weisheit, der in einer kargen Landschaft das Leben erhält und gelegentlich in Form eines Meisterwerks wie dem Shahnameh an die Oberfläche tritt. Vielleicht wird – wider alle Wahrscheinlichkeit - nach Jahrhunderten der Demütigung eine neue Zukunft für die iranischen Völker aus diesem verborgenen Untergrund emporsteigen.
[1] Plutarch, Parallelbiografien, Caesar 63
[2] Clark, WK (2003). Die Kunst, moderne Kriege zu gewinnen: Irak, Terrorismus und das amerikanische Imperium. New York: PublicAffairs.
- In seinen Memoiren schildert der pensionierte US-General Wesley Clark ein Gespräch, das seinen Angaben zufolge Ende 2001, kurz nach den Anschlägen vom 11. September, im Pentagon stattfand. Laut Clark zeigte ihm ein höherer Offizier ein Memo, in dem eine Strategie für “Regimewechseloperationen” in sieben Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren skizziert wurde – beginnend mit dem Irak und fortgesetzt mit Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und schließlich dem Iran. Clark präsentiert diese Anekdote als Beleg für das strategische Denken, das in Teilen des US-Verteidigungsapparats in der Anfangsphase des “Kriegs gegen den Terror” vorherrschte, obwohl er selbst später den Irakkrieg und die gesamte interventionistische Strategie kritisierte.
[3] Graham, L. (2025). Rede im Senat zur Iran-Politik. US-Senat.
- Senator Graham hat wiederholt argumentiert, dass dauerhafte Stabilität im Nahen Osten eine Konfrontation mit dem iranischen Regime und die Verhinderung seiner regionalen Vorherrschaft erfordere. In Reden vor dem Kongress und in Medienauftritten sprach er sich für harte Sanktionen, mögliche Militäraktionen und die Unterstützung Israels im Kampf gegen den Iran aus. Kommentatoren bezeichnen Graham häufig als einen der prominentesten Iran-Hardliner im Kongress.
[4] Bolton, JR (2015). Um Irans Bombe zu stoppen, muss man Iran bombardieren. The New York Times.
- In diesem viel diskutierten Meinungsbeitrag argumentierte Bolton, Diplomatie und Sanktionen reichten nicht aus, um Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern, und schlug vor, Militärschläge gegen iranische Atomanlagen ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Bolton befürwortet seit Langem eine Strategie, die auf die Schwächung oder den Sturz des iranischen Regimes abzielt, und Analysten führen ihn oft als das deutlichste Beispiel eines Washingtoner Politikers an, der sich für einen Regimewechsel im Iran einsetzt.
[5] Pompeo, M. (2018). Nach dem Abkommen: Eine neue Iran-Strategie. US-Außenministerium.
- Als US-Außenminister formulierte Pompeo die Politik des “maximalen Drucks” der Trump-Regierung gegenüber dem Iran, die umfassende Wirtschaftssanktionen und diplomatische Isolation beinhaltete. Obwohl er erklärte, das offizielle Ziel sei eine Verhaltensänderung des Irans und nicht der Sturz der Regierung, argumentieren viele Analysten, dass die Strategie außerordentlichen Druck auf das Regime ausübte und die politische Position der Hardliner, die einen Regimewechsel befürworten, stärkte.
[6] Cotton, T. (2015). Brief an die Führung der Islamischen Republik Iran. US-Senat.
- Cotton erlangte in der Iran-Debatte Bekanntheit durch einen umstrittenen offenen Brief, in dem er warnte, dass jedes Atomabkommen mit den Vereinigten Staaten von einer zukünftigen Regierung rückgängig gemacht werden könnte. Seine öffentlichen Positionen betonen strikte Sanktionen, militärische Abschreckung und Skepsis gegenüber diplomatischen Gesprächen mit Teheran.
[7] Universität Hamburg, Asien-Afrika-Institut. (2025, 4. Dezember).Porträt eines Gelehrten: Djalal Khaleghi-Motlagh. Universität Hamburg.
- Porträt eines Gelehrten: Djalal Khaleghi-Motlagh
- Diese Ankündigung des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg präsentiert eine Gedenkveranstaltung zu Ehren des iranischen Gelehrten Djalal Khaleghi-Motlagh, der für seine kritische wissenschaftliche Edition des persischen Epos Šāhnāmabekannt ist. Im Rahmen der Veranstaltung wird ein Dokumentarfilm über sein Leben und seine Forschung uraufgeführt. Die Seite hebt Khaleghi-Motlaghs Beitrag zur persischen Literaturwissenschaft hervor und verdeutlicht das anhaltende akademische Interesse an Iranistik an deutschen Universitäten.
[8] Walther, Horst,(2003), persönliche Website, Horst Walthers Shahnameh Dictionary
- Horst Walthers Shahnameh(شاهنامِه)-Wörterbuch
- Auf ausdrückliche Ermunterung von Prof. Khaleghi-Motlagh erstellte ich 1975 dieses invertierte Glossar von Fritz Wolff. Fritz Wolff (1880–1943) war ein deutscher Shahnameh-Experte jüdischer Herkunft. Sein Werk, invertiert in deutsch-persischer Sortierung, sollte als Grundlage für ein deutsch-persisches Wörterbuch dienen. Hier wird es nun mit rund 25 Jahren Verspätung veröffentlicht. Es handelt sich um eine Rohfassung mit 21.937 Einträgen.
[9] Walther, Horst,(2003), persönliche Website, Die große Rödelei – Tagebuch einer missratenen Iran – Fahrt
- Die Große Rödelei
- Wie kam es eigentlich zu diesem Werk? Nun, immer wenn ich von einer längeren Reise zurückkam, wurde ich mit derselben unvermeidlichen Frage konfrontiert: “Na, wie war’s?” und dann: “Es muss a toll gewesen sein, erzähl uns davon!” In gewisser Weise war es das wahrscheinlich auch, und so erzählte ich und erzählte, zeigte Fotos und Souvenirs und erzählte noch mehr. Doch dann, mittendrin, gerade als ich die prägendsten Erlebnisse beschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich über deren heutige Wirkung gesprochen hatte, nicht darüber, was mich eigentlich dort vor Ort tatgsächlich bewegt hatte. Was konnte man dagegen tun? Man müsste – man müsste unterwegs, ja, man musste einfach dort, direkt vor Ort, und alles, was einem auf dem Herzen lag, direkt in die Schreibmaschine tippen. Und genau das haben wir getan.
[10] Edmund Burke. (1790). Betrachtungen über die Revolution in Frankreich. London: J. Dodsley.
- In seiner einflussreichen Kritik an der frühen Französischen Revolution argumentiert Burke, dass Revolutionen selten von einer einheitlichen Ideologie oder einem einzigen sozialen Interesse getrieben werden. Vielmehr entstehen sie aus dem Zusammenwirken vielfältiger Missstände und Bestrebungen verschiedener Gruppen. Seine Analyse verdeutlicht, wie sich reformorientierte Adlige, bürgerliche Politiker, Bauern, die sich feudalen Verpflichtungen widersetzten, und von wirtschaftlicher Not getriebene städtische Massen vorübergehend zur Unterstützung des revolutionären Umbruchs verbünden konnten. Burke nutzt diese Beobachtung, um zu warnen, dass solche Koalitionen von Natur aus instabil sind, da ihre Teilnehmer grundlegend unterschiedliche Ergebnisse von der Revolution erwarten.
[11] Tocqueville, A. de. (1896/1851). Erinnerungen (Souvenirs). London: Macmillan.
- In seinen Memoiren über das revolutionäre und nachrevolutionäre politische Klima Frankreichs stellt Tocqueville fest, dass politische Bündnisse oft nicht aus gemeinsamen positiven Zielen, sondern aus der gemeinsamen Gegnerschaft zu einem gemeinsamen Feind entstehen. Diese Erkenntnis trägt dazu bei, zu erklären, wie sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen – Adelige, bürgerliche Reformer, Bauern und städtische Radikale – trotz grundverschiedener Erwartungen an den Ausgang der Französischen Revolution vorübergehend hinter ihr vereinen konnten.
[12] François Furet. (1978). Penser la Révolution française [Interpretation der Französischen Revolution]. Paris: Gallimard. (Englische Übersetzung: Cambridge University Press, 1981).
- In dieser wegweisenden Neuinterpretation der Französischen Revolution argumentiert Furet, dass die revolutionäre Bewegung anfänglich Akteure mit divergierenden politischen Erwartungen und sozialen Interessen vereinte. Anstatt eines einheitlichen revolutionären Projekts fungierte die Revolution als breite politische Koalition, deren Teilnehmer – bürgerliche Reformer, radikale Demokraten, Bauern und städtische Aktivisten – jeweils ihre eigene Zukunftsvision in den revolutionären Prozess einbrachten. Laut Furet erklären diese unvereinbaren Erwartungen die rasche Fragmentierung der revolutionären Politik und die Eskalation der Konflikte in den 1790er Jahren.
[13] Ervand Abrahamian. (1982). Iran zwischen zwei Revolutionen. Princeton University Press.
- Abrahamian zeigt, dass die iranische Revolution anfänglich eine breite Anti-Schah-Koalition war, bestehend aus religiösen Netzwerken, säkularen Intellektuellen, marxistischen Organisationen, Studenten und Basarhändlern. Jede dieser Gruppen interpretierte die revolutionäre Bewegung anders und erwartete Ergebnisse, die von islamischer Herrschaft über sozialistische Transformation bis hin zu liberaler Demokratie reichten. Diese Vielfalt an Erwartungen erklärt die unmittelbaren, politischen Auseinandersetzungen, die dem Sturz des Schahs folgten.
[14] The New York Times. (28. Februar 2026). Trump, der selbsternannte “Friedenspräsident”, zieht in den Krieg, um einen Regimewechsel herbeizuführen. The New York Times.
- https://www.nytimes.com/2026/02/28/us/politics/trump-peace-president-war.html
- Diese Analyse untersucht den scheinbaren Widerspruch zwischen Donald Trumps langjährigem politischen Image als “Friedenspräsident” – eines Präsidenten, der die Beendigung internationaler Konflikte versprach – und seiner Entscheidung, im Februar 2026 größere Militäroperationen gegen den Iran einzuleiten. Der Artikel verortet diesen Konflikt im Kontext von Trumps umfassenderer außenpolitischer Strategie, einschließlich seiner früheren Behauptungen, er habe mehrere internationale Streitigkeiten beigelegt und verdiene Anerkennung als Friedensstifter. Er beleuchtet die politischen, strategischen und rhetorischen Spannungen zwischen den Antikriegsversprechen im Wahlkampf und der Realität des US-Militäreinsatzes im Nahen Osten. Der Beitrag dient als wichtige journalistische Quelle zur Dokumentation der aktuellen Debatten über die US-Außenpolitik und die Kriegsbefugnisse des Präsidenten im Jahr 2026, insbesondere im Kontext der eskalierenden Spannungen mit dem Iran.
15] Zweiri, M.(14. März 2026). Der iranische Moment: Ein Sprung ins Ungewisse. Al Jazeera.
- https://www.aljazeera.com/opinions/2026/3/14/the-iranian-moment-a-leap-into-the-unknown
- In diesem Meinungsbeitrag analysiert der Politikwissenschaftler Mahjoob Zweiri die historische und geopolitische Bedeutung der aktuellen Krise im Iran. Er argumentiert, dass sich das Land möglicherweise einem dritten tiefgreifenden politischen Umbruch seiner modernen Geschichte nähert. Er stellt frühere Phasen der iranischen Staatsentwicklung – wie die Pahlavi-Monarchie und die Islamische Republik – den Unsicherheiten gegenüber, die durch den aktuellen regionalen Konflikt und den internen Druck entstehen. Der Artikel verortet diese Entwicklungen in breiteren Debatten über staatliche Identität, regionale Machtdynamiken und Irans sich wandelndes Verhältnis zur internationalen Ordnung. Als Expertenkommentar in der Meinungsrubrik von Al Jazeera bietet der Beitrag eine interpretative Analyse anstelle einer neutralen Berichterstattung, liefert aber wertvolle Einblicke in die Perspektiven des Nahen Ostens auf die sich zuspitzende Krise.


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