My near philosophical musings about the world in general its problems and possible ways out.

2023-03-20

Wie ist eigentlich Deutschlands Rolle in der Welt?

Deutschland macht in diesen Tagen den Eindruck eines Getriebenen. Die Waffenlieferungen an die Ukraine bleiben Diskussionsthema Nummer eins – zumal Kiew einen Nachschlag fordert. Nach den Panzern die Kampfflugzeuge

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz ist von den Verbündeten in der NATO, wie auch von der westlichen Presse, viel für seine zögerliche Haltung im Ukraine Konflikt kritisiert worden. Während die Deutsche Außenministerin Annalena Baerbock 2023-01-24 in einem Statement in Straßburg mal eben vom Krieg des Westens gegen Russland spricht, hat sich der Deutsche Bundeskanzler bisher mit starken Worten deutlich zurückgehalten. Er hat vermutlich Gründe dafür. Welche könnten das sein?

Viele Deutsche sind eher unglücklich mit dem Kriegsverlauf in der Ukraine und wünschen sich nichts sehnlicher als einen Friedensschluss. Ein von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer entworfenes Manifest bringt diese Gefühle auf den Punkt. Liegt hier eine Erklärung für das Verhalten des Kanzlers? Vermutlich noch nicht.

Der Blick von außen

Am 23. Februar 2023 schrieb das für seine kritische Einstellung gegenüber der geo-politischen Haltung der US-Regierung bekannte Quincy Institute for Responsable Statecraft:

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat zu einem radikalen Wandel in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik geführt. Dazu gehören Maßnahmen, die noch vor einem Jahr undenkbar gewesen wären, wie die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine.

Dieser Wandel hat jedoch auch zu erheblichen Spaltungen in der deutschen Regierungskoalition und zu Unbehagen in Teilen der deutschen Gesellschaft geführt. Unter den Deutschen, insbesondere in der Industrie, herrscht auch Besorgnis über die Gefahren für die deutsche Wirtschaft, wenn Deutschland den USA darin folgen muss, die Wirtschaft Chinas, die ein wichtiger Markt für deutsche Exporte ist, zu isolieren und zu schwächen.

Diese Fragen sind nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Europäische Union und die künftige Kohärenz des transatlantischen Bündnisses von entscheidender Bedeutung.“

Der Blick von Innen

In seinem neuen Buch „Führung und Verantwortung“, das zur etwa gleichen Zeit im Siedler Verlag erschien, skizziert der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, jene Führungsrolle Deutschlands in der Welt, die beispielsweise Sigmar Gabriel für unglaubwürdig hielte (siehe unten), die aber ex-Bundespräsident Joachim Gauck 2014 bereits in München einforderte.

Der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler und Diplomat, ehemaliger Stabschef des EU-Außenbeauftragten Javier Solana und 12-jahrelanger außenpolitischer Berater der Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, dass die Zeit des „Leading from behind“ vorbei sei:

Die Bundesregierung muss sich bewusstwerden, dass Führung und Verantwortung nicht heißen kann, immer nur als Letzter das Richtige zu tun.

Ex-Vizekanzler und ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel wagte unlängst in einem Gespräch mit Journalisten die Prognose: „Ich bin relativ sicher, dass die Ukraine Kampfflugzeuge bekommen wird.“

Dann fügte er den entscheidenden Satz hinzu:

Aber die politische Entscheidung, ob wir uns daran beteiligen, ist keine deutsche: Ich würde dazu raten, die Führung da zu lassen, wo sie ist, nämlich bei den USA.

In seiner Regierungserklärung lieferte Kanzler Scholz denn auch nur vage Durchhalteparolen wie „Der Weg hin zu diesem Frieden erfordert tapferes Handeln“, aber kaum brauchbare Informationen. Zur Blitzvisite im Weißen Haus waren im Regierungsflugzeug erstmals in seiner Amtszeit Journalisten unerwünscht. Die übliche Pressekonferenz im Weißen Haus entfiel. Für überzeugte Demokraten sollte das ein Warnsignal sein.

Nach einer neuen Führungsrolle in Europa oder gar in der Welt sieht das nicht aus, eher nach Vasallentreue gegenüber einem übermächtigen Hegemonen. Es braucht schon Scheuklappen, um diesen Zustand als die beste der Optionen zu betrachten.

Der Blick über den Tellerrand

Vielleicht gibt es aktuell aber auch keine guten Handlungsoptionen für einen Zwergstaat wie Deutschland – jedenfalls nicht kurzfristig.

Wenn wir einen Deutschen Politiker mit einer nüchternen Einschätzung der Situation und einem klaren Blick auf die Möglichkeiten suchen, müssen wir wohl einige Jahre zurück gehen.

Auf seinem letzten öffentlichen Auftritt auf einem SPD-Parteitag (2011-12-04) wirkte der damals 92-Jährige frischer als mancher Delegierte im Saal. Er wandte sich vehement gegen „die schädliche deutschnationale Kraftmeierei“. Wenn 2050 neun Milliarden Menschen auf der Erde wimmeln werden, wird der alte Kontinent nicht mehr wie 2011 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen, sondern nur noch ein Zehntel dessen. Spätestens dann werde ein Land alleine „nicht mehr in Prozent gemessen, sondern nur noch in Promillezahlen

Hellsichtig fürwahr. Als der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ihn fragte, wann die Bundesrepublik denn endlich ein ganz normales Land in Europa sein werde, war Schmidts Antwort war ebenso kurz wie ernüchternd: „In absehbarer Zeit nicht.“ Nach zwei Kriegen in einem Jahrhundert hätten noch Generationen von Deutschen mit ihrer historischen Last und dem latenten Argwohn in den europäischen Nachbarländern zu leben, prophezeit er.

Diese Gedanken weitergeführt, liegt Deutschlands Rolle eher in einer engen Integration mit den europäischen Nachbarländern, die eine gesellschaftliche Prägung erfahren haben, die gleiche Werte in ihrer Firmware tragen. Ein Rütlischwur auf europäischer Ebene würde es uns zumindest ermöglichen, statt in Promille wieder mit einem Prozentanteil am Weltgeschehen bemessen zu werden.

What is actually Germany's role in the world?

These days, Germany gives the impression of being driven, rather than being in the driver seat. Deliveries of heavy weapons to Ukraine remain the number one topic of discussion - especially since Kiev is demanding a second helping. First tanks, followed by fighter jets

German Chancellor Olaf Scholz has been much criticised by NATO allies, as well as by the Western press, for his hesitant stance in the Ukraine conflict. While the German Foreign Minister Annalena Baerbock in a statement in Strasbourg frankly speaks of a war of the West against Russia, the German Chancellor has so far refrained from using strong words. He probably has reasons for this. What could they be?

Many Germans are rather unhappy with the course of the war in Ukraine and would like nothing more than a peace agreement. A manifesto drafted by Sahra Wagenknecht and Alice Schwarzer sums up these feelings. Is there an explanation for the chancellor's behaviour here? Probably not yet. 

The view from outside 

On 23 February 2023, the Quincy Institute for Responsible Statecraft, known for its critical attitude towards the US government's geo-political stance, wrote:

"Russia's invasion of Ukraine has led to a radical shift in German foreign and security policy. This includes measures that would have been unthinkable a year ago, such as the delivery of heavy weapons to Ukraine."

However, this change has also led to significant divisions in the German governing coalition and unease in parts of German society. There is also concern among Germans, especially in industry, about the dangers to the German economy if Germany has to follow the US in isolating and weakening the economy of China, which is an important market for German exports.

These issues are crucial not only for Germany but also for the European Union and the future coherence of the transatlantic alliance."

The view from within

In his new book "Führung und Verantwortung" (Leadership and Responsibility), published at about the same time by Siedler Verlag, the chairman of the Munich Security Conference, Christoph Heusgen, outlines the leadership role of Germany in the world, which Sigmar Gabriel, for example, would find implausible (see below), but which ex-Federal President Joachim Gauck already called for in Munich in 2014. 

The Düsseldorf economist and diplomat, former chief of staff to EU foreign affairs envoy Javier Solana and foreign policy advisor to German Chancellor Angela Merkel for 12 years, believes that the time of "leading from behind" is over: "The German government must realise that leadership and responsibility cannot mean always being the last to do the right thing.

Ex-vice chancellor and former foreign minister Sigmar Gabriel recently ventured the prediction in a conversation with journalists: "I'm relatively sure that Ukraine will get fighter jets."

Then he added the crucial sentence:

"But the political decision whether we participate in this is not a German one: my advice would be to leave the lead where it is, with the US."

In his government statement, Chancellor Scholz provided only vague slogans such as "The path to peace requires courageous action", but hardly any useful information. 

For the flash visit to the White House, journalists were not allowed on the government plane for the first time in his term of office. The usual White House press conference was cancelled. For diehard democrats, this should be a warning signal. 

It does not look like a new leadership role in Europe or even in the world, more like vassal loyalty to a mighty hegemon. It takes blinkers to see this state of affairs as the best of the options.

Looking beyond the horizon

Perhaps however there are currently no good options around for a dwarf state like Germany - at least not in the short term.

If we are looking for a German politician with a sober assessment of the situation and a clear view of the options, we probably have to go back a few years.

At his last public appearance at an SPD party conference (2011-12-04), the then 92-year-old seemed fresher than many a delegate in the hall. He vehemently opposed "the harmful German-national strongmanism". When nine billion people swarm the earth in 2050, the old continent will no longer produce 30 per cent of the world's economic output, as it did in 2011, but only a tenth of that. By then at the latest, a country alone will "no longer be measured in percentages, but only in parts per thousand".

A lucid vision indeed. When former Bundestag President Wolfgang Thierse asked him when the Federal Republic would finally become a normal country in Europe, Schmidt's answer was as short as it was sobering: "Not in the foreseeable future.” After two wars in a century, generations of Germans would still have to live with their historical burden and the latent suspicion of neighbouring European countries, he predicted.

Taking these thoughts further, Germany's role is more likely to lie in close integration with neighbouring European countries that have experienced a similar social moulding and which carry the same values in their firmware. A Rütli oath at the European level would at least enable us to be measured again with a percentage share in world affairs instead of per thousand.