Horst Walther

My near philosophical musings about the world in general its problems and possible ways out.

2026-10-09

Trixie’s Curse

Trixie Trulla Kills Big Dörte · Chapter 4

Trixie’s Curse


Trixie took Napoleon in temporarily. The police had no objection. Frau Knobloch had all the more.

“The perpetrator is taking possession of the only witness,” she said over the garden fence.

“Napoleon isn’t a witness,” Herr Yilmaz objected.

“You don’t know that.”

“He can’t give evidence.”

“Which is precisely why his credibility remains unimpaired.”

Trixie heard none of this. She sat in her kitchen watching the black dog, his head resting on his forepaws. Since morning she had been remembering a sentence she would rather have forgotten.

It was not the threat that had become public knowledge. She had uttered that one with a laugh after Dörte, over coffee and shop-bought streusel cake, had coaxed the price out of her. “But not a word,” Trixie had said. “Or I’ll kill you.” Dörte had clutched her breast, declared “On my honour,” and had probably rung two people before reaching her own garden gate.

No, Trixie was thinking of something else.

On the evening before Dörte’s death, she had discovered how far the secret had travelled. A complete stranger had spoken to her outside the supermarket.

“Well, for a million, you might at least have expected a roof,” he had said.

Trixie had gone home. In the hall, a floor tile had come towards her. Not metaphorically. It had detached itself beneath her foot and slid to the opposite side of the room.

Standing there with a shopping bag in each hand and a leek under one arm, Trixie had shouted into the empty hall:

“Dörte, may the Devil take you!”

That very night, Dörte had died.

A reasonable person would have seen no connection. Trixie generally considered herself reasonable. As a child, however, she had possessed an aunt who could silence radios by sheer disapproval. At least, that was what the aunt claimed. The radios dated from the 1960s and frequently fell silent without her assistance. Nevertheless, the suspicion persisted in Trixie’s family that certain wishes might possess a degree of operational force.

Napoleon raised his head.

“I didn’t mean it like that,” said Trixie.

The dog looked at her.

“Of course I was angry. But anger isn’t an order form.”

Napoleon sighed.

Trixie stood, closed the kitchen door, drew the curtains and opened a website about the curse of Tutankhamun. After twenty minutes, she understood that there were numerous rational explanations. After forty, she was convinced that rational explanations were merely the preferred disguise of supernatural events.

At one o’clock, Inspector Martens rang the bell.

“Frau Trullmann?”

“Trullner,” said Trixie. “Beatrix Trullner.”

This incidentally explained the origin of “Trixie Trulla”. The neighbourhood had not invented her name. It had merely worked on it until it contained an opinion.

Martens asked about the house purchase, the conversation with Dörte and the threat. Trixie answered everything truthfully, except the matter of the Devil. About that, she remained silent.

Not because she considered herself guilty.

Only because she feared she might be.

To be continued …

Trixies Fluch

Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 4

Trixies Fluch


Trixie nahm Napoleon vorläufig bei sich auf. Die Polizei hatte nichts dagegen. Frau Knobloch umso mehr.

„Der Täter bemächtigt sich des einzigen Zeugen“, sagte sie am Gartenzaun.

„Napoleon ist kein Zeuge“, wandte Herr Yilmaz ein.

„Das wissen Sie doch gar nicht.“

„Er kann nicht aussagen.“

„Gerade deshalb ist seine Glaubwürdigkeit noch unbeschädigt.“

Trixie hörte nichts davon. Sie saß in ihrer Küche und betrachtete den schwarzen Hund, der den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt hatte. Seit dem Morgen erinnerte sie sich an einen Satz, den sie lieber vergessen hätte.

Es war nicht die öffentlich bekannt gewordene Drohung. Die hatte sie lachend ausgesprochen, nachdem Dörte ihr bei Kaffee und gekauftem Streuselkuchen den Preis aus der Nase gezogen hatte. „Aber kein Wort“, hatte Trixie gesagt. „Sonst bringe ich dich um.“ Dörte hatte sich an die Brust gefasst, „Bei meiner Ehre“ erklärt und vermutlich noch vor Erreichen des eigenen Gartentors zwei Menschen angerufen.

Nein, Trixie dachte an etwas anderes.

Am Abend vor Dörtes Tod hatte sie erfahren, wie weit das Geheimnis gelangt war. Ein völlig Fremder hatte sie vor dem Supermarkt angesprochen.

„Na, für eine Million hätten Sie aber auch ein Dach erwarten dürfen“, hatte er gesagt.

Trixie war nach Hause gegangen. Im Flur war ihr eine Fliese entgegengekommen. Nicht bildlich. Sie hatte sich unter ihrem Fuß gelöst und war auf die andere Seite des Raumes gerutscht.

Da hatte Trixie, mit einer Einkaufstasche in jeder Hand und einer Lauchstange unter dem Arm, in die leere Diele gerufen:

„Dörte, der Teufel soll dich holen!“

In derselben Nacht war Dörte gestorben.

Ein vernünftiger Mensch hätte darin keinen Zusammenhang gesehen. Trixie hielt sich im Allgemeinen für vernünftig. Allerdings hatte sie als Kind eine Tante besessen, die durch bloßes Missfallen Radios zum Verstummen bringen konnte. Jedenfalls hatte die Tante das behauptet. Die Radios stammten aus den sechziger Jahren und verstummten auch ohne ihr Zutun häufig. Trotzdem war in Trixies Familie der Verdacht geblieben, manche Wünsche könnten eine gewisse operative Kraft entfalten.

Napoleon hob den Kopf.

„Ich habe es nicht so gemeint“, sagte Trixie.

Der Hund sah sie an.

„Natürlich war ich wütend. Aber Wut ist doch keine Bestellung.“

Napoleon seufzte.

Trixie stand auf, schloss die Küchentür, zog die Gardinen zu und öffnete im Internet eine Seite über den Fluch des Tutanchamun. Nach zwanzig Minuten war ihr klar, dass es zahlreiche rationale Erklärungen gab. Nach vierzig Minuten war sie überzeugt, dass rationale Erklärungen lediglich die bevorzugte Tarnung übernatürlicher Vorgänge seien.

Um dreizehn Uhr klingelte Kommissarin Martens.

„Frau Trullmann?“

„Trullner“, sagte Trixie. „Beatrix Trullner.“

Damit war nebenbei geklärt, woher „Trixie Trulla“ stammte. Die Nachbarschaft hatte ihren Namen nicht erfunden. Sie hatte ihn nur so lange bearbeitet, bis er eine Meinung enthielt.

Martens stellte Fragen zum Hauskauf, zum Gespräch mit Dörte und zur Drohung. Trixie beantwortete alles wahrheitsgemäß, bis auf die Sache mit dem Teufel. Darüber schwieg sie.

Nicht, weil sie sich für schuldig hielt.

Nur weil sie befürchtete, es zu sein.

Fortsetzung folgt …

2026-10-02

Die Verschwiegenheitsgemeinschaft

Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 3

Kriminalhauptkommissarin Ada Martens traf um sieben Uhr zwölf ein. Sie war mittelgroß, trug einen dunkelblauen Mantel und besaß die seltene Gabe, einem Menschen zuzuhören, ohne ihm durch freundliches Nicken versehentlich recht zu geben.

Diese Eigenschaft wurde im Viertel zunächst als Kälte missverstanden.

Martens ließ den Bereich absperren. Ein Rechtsmediziner beugte sich über Dörte. Napoleon musste weggeführt werden, was keinem der Beamten gelang. Erst als Trixie leise „Napoleon, komm“ sagte, erhob sich das Tier, ging zu ihr und setzte sich an ihre linke Seite.

Ein hörbares Einatmen ging durch die Reihen.

„Der gehorcht ihr!“, flüsterte Frau Söntgen.

„Hunde vergessen nie“, antwortete Frau Knobloch mit einer Bestimmtheit, die sonst Jahreszahlen vorbehalten war.

„Oder sie kennen ihren Täter“, sagte Herr Pahlke.

Martens drehte sich um. Drei Köpfe verschwanden hinter einer Hecke.

An Dörtes Hinterkopf fand sich eine blutende Verletzung. Auf ihrer rechten Hand lagen oberflächliche Kratzspuren. Der Mantel war an der Schulter eingerissen. Neben ihr lag eine zerbrochene Lesebrille, obwohl Dörte beim Gehen nie gelesen hatte. Etwas weiter entfernt fand ein Beamter eine kleine silberne Feder, wie sie zu einem mechanischen Gerät gehören mochte, sowie ein Stück roten Kunststoffs.

Napoleons Leine war nicht an seinem Halsband befestigt. Sie lag in einer lockeren Schlinge um einen städtischen Begrenzungspfosten, einen jener niedrigen Metallbügel, die Autofahrer daran hindern sollen, den Rasen zu beschädigen, und Fußgänger dazu einladen, sich selbst zu beschädigen.

„Unfall?“, fragte der junge Streifenbeamte.

Der Rechtsmediziner hob eine Schulter. „Möglich.“

Dieses Wort gelangte nicht bis hinter die Hecke.

Dort wurde bereits die bedeutendere Frage verhandelt: Wer würde der Polizei von Trixies Drohung erzählen?

Alle wussten davon. Niemand konnte erklären, woher.

Frau Knobloch hatte es von Frau Söntgen erfahren, die es von ihrem Mann wusste. Herr Söntgen hatte es angeblich beim Bäcker aufgeschnappt. Der Bäcker bestritt das und verwies auf den Apotheker. Der Apotheker berief sich auf seine Schweigepflicht, was als Eingeständnis gewertet wurde. Herr Pahlke hatte die Information „aus zuverlässiger Quelle“, womit er in der Regel seine Frau meinte. Diese wiederum hatte sie von Dörte selbst, allerdings ausdrücklich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit.

Es war also niemand verantwortlich.

Verantwortung ist im bürgerlichen Leben ein Gegenstand, der beim Herumreichen auffallend schnell an Gewicht verliert.

Um zehn Uhr begann Kommissarin Martens mit den Befragungen. Um zehn Uhr siebenunddreißig verlor Herr Söntgen die Nerven.

„Sie hat ihr gedroht!“, stieß er hervor.

„Wer wem?“

„Trixie der Dörte. Sie werde sie umbringen, wenn sie den Kaufpreis weitererzähle.“

„Waren Sie dabei?“

„Nein.“

„Wer war dabei?“

„Dörte und Trixie.“

„Und woher wissen Sie es?“

Herr Söntgen schwieg. Es war nicht das Schweigen eines Mannes, der ein Geheimnis hütet. Es war das Schweigen eines Mannes, der gerade entdeckt, dass die logische Struktur seiner Aussage auf ihn selbst zurückweist.

„Es ist allgemein bekannt“, sagte er schließlich.

„Dann war es offenbar keine besonders wirksame Drohung.“

Martens notierte etwas.

Herr Söntgen versuchte, auf den Zettel zu sehen. „Schreiben Sie jetzt ihren Namen auf?“

„Nein. Ihren.“

Noch vor dem Mittagessen wusste das Viertel, Trixie stehe auf einer geheimen Liste der Polizei.

Das stimmte sogar.

Auf derselben Liste standen allerdings auch Napoleon, Bodo Beutlin, vierzehn Nachbarn, zwei Paketboten, der Bäckerfahrer, ein bislang unbekannter Radfahrer und das Wetter.

Fortsetzung folgt …

The Fellowship of Confidentiality

Trixie Trulla Kills Big Dörte · Chapter 3


Detective Chief Inspector Ada Martens arrived at twelve minutes past seven. She was of medium height, wore a dark-blue coat and possessed the rare gift of listening to a person without accidentally agreeing with them by nodding encouragingly.

At first, the neighbourhood mistook this quality for coldness.

Martens had the area cordoned off. A pathologist bent over Dörte. Napoleon had to be led away, a task none of the officers managed. Only when Trixie quietly said, “Napoleon, come,” did the animal rise, walk over and sit at her left side.

An audible intake of breath passed through the ranks.

“He obeys her!” Frau Söntgen whispered.

“Dogs never forget,” Frau Knobloch replied with the certainty she normally reserved for historical dates.

“Or they know their killer,” said Herr Pahlke.

Martens turned round. Three heads vanished behind a hedge.

Dörte had a bleeding wound at the back of her head. There were superficial scratches on her right hand, and her coat was torn at the shoulder. Beside her lay a broken pair of reading glasses, although Dörte had never read while walking. A little farther away, an officer found a small silver spring of the sort that might belong to a mechanical device, and a fragment of red plastic.

Napoleon’s lead was not attached to his collar. It lay in a loose loop around a municipal boundary post, one of those low metal fixtures intended to prevent motorists from damaging the grass and to invite pedestrians to damage themselves.

“Accident?” asked the young constable.

The pathologist lifted one shoulder. “Possible.”

That word did not reach the far side of the hedge.

There, the more important question was already being debated: who would tell the police about Trixie’s threat?

Everyone knew about it. Nobody could explain how.

Frau Knobloch had heard it from Frau Söntgen, who knew it from her husband. Herr Söntgen had supposedly picked it up at the bakery. The baker denied this and referred them to the pharmacist. The pharmacist invoked professional confidentiality, which was interpreted as an admission. Herr Pahlke had received the information “from a reliable source”, by which he generally meant his wife. She, in turn, had heard it from Dörte herself, though expressly under the seal of absolute secrecy.

Thus nobody was responsible.

Responsibility is an object which, in respectable life, becomes strikingly lighter as it is passed around.

At ten o’clock, Inspector Martens began her interviews. At ten thirty-seven, Herr Söntgen lost his nerve.

“She threatened her!” he blurted.

“Who threatened whom?”

“Trixie threatened Dörte. Said she would kill her if she told anyone the purchase price.”

“Were you there?”

“No.”

“Who was there?”

“Dörte and Trixie.”

“Then how do you know?”

Herr Söntgen fell silent. It was not the silence of a man guarding a secret. It was the silence of a man who has just discovered that the logical structure of his statement points back towards himself.

“It’s common knowledge,” he said at last.

“Then it was evidently not a particularly effective threat.”

Martens wrote something down.

Herr Söntgen tried to see the page. “Are you writing down her name?”

“No. Yours.”

Before lunch, the neighbourhood knew that Trixie’s name appeared on a secret police list.

This was even true.

The same list also contained Napoleon, Bodo Beutlin, fourteen neighbours, two delivery drivers, the bakery driver, a cyclist whose identity was not yet known, and the weather.

To be continued …

2026-09-24

The Crime Scene Opens for Business

Trixie Trulla Kills Big Dörte · Chapter 2


There are moments when a respectable residential neighbourhood ceases to be a collection of properly financed owner-occupied homes and turns into a stage. This does not usually happen at street parties. These are organised expressly for that purpose, but regularly fail because everyone is simultaneously eating sausages and assuring one another how wonderfully informal the occasion has become.

A true change of scene requires stronger means.

A corpse, for example.

No sooner had Dörte’s body been discovered in the dew-wet grass than the broad roadside verge acquired a status it had never enjoyed even in the eyes of the Parks Department. It was now a crime scene. A crime scene differs from an ordinary place chiefly in that nobody may suddenly touch anything that nobody had wanted to touch for years.

The reluctant early riser already mentioned called the police. He later claimed that his voice had been calm and composed. This was one of those statements that are not directly untrue, provided one understands calm to mean the spasmodic inhalations of a defective bellows and composure to mean dropping one’s telephone three times.

Bodo Beutlin used the interval to sniff a bush. He was a small brown dog of uncertain ancestry but assured self-confidence. Napoleon, Dörte’s enormous black companion, stood two metres from his mistress. He did not whimper. He did not bark. He merely looked at the early riser.

That look was to matter later.

First came a patrol car, then an ambulance, then another patrol car and finally a bakery van whose driver had stopped because of the blue lights and, within seven minutes, knew more than the officers did. This is not a criticism of the police. The bakery driver merely possessed a more tightly woven information network.

The first neighbours appeared in dressing gowns. Some held cups, others mobile phones, and still others both. Behind windows, curtains moved with that unnatural regularity which betrays a firm belief that curtains may be curious of their own accord.

Then Trixie appeared.

She wore a green woollen coat over floral pyjamas, red rubber boots and carried an umbrella, although it was not raining. Her face was pale. Whether from cold, shock or the knowledge that she had issued a frivolous death threat three weeks earlier could not yet be determined.

“What happened?” she asked.

Nobody answered immediately.

It was the moment in which a neighbourhood hitherto composed only of individual curious people thought collectively for the first time. Its thoughts were not especially intelligent, but remarkably uniform.

She did it.

Frau Knobloch, a retired senior teacher of German and history, stared at Trixie. Herr Pahlke, a semi-retired tax adviser, looked first at Trixie and then at her house, as though the purchase price might materialise outside on the drainpipe. Young Herr Yilmaz from number 18 unobtrusively raised his phone. Frau Söntgen whispered something to her husband that he already knew because he had told her himself the previous evening.

A police officer approached Trixie.

“Did you know the deceased?”

Trixie looked at Dörte, then at Napoleon and finally at the silent rank of neighbours.

“A little,” she said.

By late morning, “a little” had become “very well”; by noon, “intimately”; and by evening, “they had been quarrelling for weeks”.

And so the case began.

To be continued …

Der Tatort wird eröffnet

Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 2


Es gibt Augenblicke, in denen ein bürgerliches Wohnviertel aufhört, eine Ansammlung ordentlich finanzierter Eigenheime zu sein, und sich in eine Bühne verwandelt. Das geschieht meistens nicht bei Straßenfesten. Diese werden zwar eigens zu diesem Zweck veranstaltet, scheitern jedoch regelmäßig daran, dass alle Beteiligten gleichzeitig Würstchen essen und sich gegenseitig versichern, wie ungezwungen es diesmal wieder zugehe.

Ein wirklicher Bühnenwechsel bedarf eines stärkeren Mittels.

Einer Leiche zum Beispiel.

Kaum war Dörtes Körper im taufeuchten Gras entdeckt worden, erhielt der breite Straßenrand einen Rang, den er bis dahin nicht einmal in den Augen des Grünflächenamtes besessen hatte. Er war nun ein Tatort. Ein Tatort unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Ort vor allem dadurch, dass plötzlich niemand mehr etwas berühren darf, was zuvor jahrelang niemand hatte berühren wollen.

Der unfreiwillige Frühaufsteher, von dem bereits die Rede war, rief die Polizei. Dabei behauptete er später, seine Stimme sei ruhig und gefasst gewesen. Das war eine jener Aussagen, die nicht direkt falsch sind, sofern man unter Ruhe das stoßweise Einatmen eines defekten Blasebalgs und unter Fassung das dreimalige Fallenlassen des Telefons versteht.

Bodo Beutlin nutzte die Zwischenzeit, um an einem Busch zu schnuppern. Er war ein kleiner, brauner Hund von ungesicherter Abstammung, aber gesichertem Selbstbewusstsein. Napoleon, Dörtes riesiger schwarzer Begleiter, stand zwei Meter neben seiner Herrin. Er winselte nicht. Er bellte nicht. Er sah den Frühaufsteher nur an.

Dieser Blick sollte später noch eine Rolle spielen.

Zunächst kam ein Streifenwagen, dann ein Rettungswagen, dann ein zweiter Streifenwagen und schließlich ein Lieferwagen eines Bäckers, dessen Fahrer wegen des Blaulichts angehalten hatte und binnen sieben Minuten mehr wusste als die Beamten. Das ist keine Kritik an der Polizei. Der Bäckerfahrer verfügte lediglich über ein engmaschigeres Informationsnetz.

Die ersten Nachbarn erschienen in Morgenmänteln. Einige hielten Tassen in den Händen, andere Mobiltelefone, wieder andere beides. Hinter Fenstern bewegten sich Gardinen mit jener unnatürlichen Regelmäßigkeit, die den festen Glauben verrät, Gardinen könnten von selbst neugierig sein.

Dann erschien Trixie.

Sie trug einen grünen Wollmantel über einem geblümten Schlafanzug, rote Gummistiefel und in der Hand einen Regenschirm, obwohl es nicht regnete. Ihr Gesicht war bleich. Ob vor Kälte, Schrecken oder dem Bewusstsein, vor drei Wochen eine leichtfertige Todesdrohung ausgesprochen zu haben, ließ sich noch nicht sagen.

„Was ist passiert?“, fragte sie.

Niemand antwortete sofort.

Es war der Moment, in dem eine Nachbarschaft, die bisher nur aus einzelnen neugierigen Menschen bestanden hatte, erstmals als Kollektiv dachte. Deren Gedanken waren nicht besonders klug, aber erstaunlich einheitlich.

Sie war es.

Frau Knobloch, pensionierte Oberstudienrätin für Deutsch und Geschichte, sah Trixie lange an. Herr Pahlke, Steuerberater im Vorruhestand, sah erst Trixie und dann ihr Haus an, als könne sich der Kaufpreis dort außen am Fallrohr materialisiert haben. Der junge Herr Yilmaz aus Nummer 18 hob unauffällig sein Telefon. Frau Söntgen flüsterte ihrem Mann etwas zu, das dieser bereits wusste, weil er es ihr am Vorabend selbst erzählt hatte.

Ein Polizeibeamter trat Trixie entgegen.

„Kannten Sie die Verstorbene?“

Trixie sah auf Dörte, dann auf Napoleon und schließlich auf die schweigende Reihe der Nachbarn.

„Ein wenig“, sagte sie.

Aus „ein wenig“ wurde noch am selben Vormittag „sehr gut“, gegen Mittag „intim“ und am Abend „sie hatten seit Wochen Streit“.

So nahm der Fall seinen Anfang.

Fortsetzung folgt …

2026-09-18

Trixie Trulla Kills Big Dörte


A not entirely serious crime story · Part 1

Trixie Trulla Kills Big Dörte

Note: This story is a work of fiction. Names, characters and events are entirely imaginary. Any resemblance to persons living or dead would not merely be coincidental, but probably the work of a particularly talkative neighbourhood.

In a respectable district of a German city, a house had been sold. Neighbours whispered that the purchase price had been exorbitantly high, that the promises had been transparent and impossible to keep, and that, to crown it all, the new owners had subsequently discovered that extensive renovations were required.

Eventually, one of the neighbours, who lived diagonally opposite and therefore happened to encounter the newcomers from time to time, could contain herself no longer. She approached the new neighbour with simulated warmth and asked her bluntly what she had paid for the house.

As far as my now fading memory serves, the new owner was called Trixie, sometimes with the disparaging suffix “Trulla”. She was suspected of merely simulating respectable middle-class behaviour rather than embracing it wholeheartedly, both in spirit and intellect. To this day, I remain uncertain what exactly that was meant to convey. Perhaps the message lay precisely in its vagueness and indeterminacy, allowing—or inviting—everyone to fill the remaining gaps with their own imagination.

The diagonally-opposite neighbour, tormented by curiosity, was known as Dörte. She was a somewhat comprehensive lady who regularly had to accompany her enormous black dog on his customary walks—the dog taking his mistress out.

After Dörte had softened up our defenceless Trixie with every variety of simulated friendliness, Trixie finally let a purchase price slip—let us simply say one million euros. In return for divulging this originally closely guarded key information, Dörte had to swear a vow of silence, accompanied by the surely not entirely serious threat: “Otherwise I’ll kill you!”

Since time immemorial, it has been no secret that nothing travels faster than a “secret” revealed under the cloak of confidentiality. Before long, the entire neighbourhood knew and nodded knowingly to one another whenever they happened to pass the house in question. To avoid becoming responsible for the premature death of Big Dörte, who was highly valued as the neighbourhood’s rumour-distribution centre, everyone nevertheless made a conspicuous effort to remain tight-lipped on the subject.

Then, one grey November morning, a tragic incident occurred. A reluctant early riser, who had likewise been driven into the at that hour still unwelcome fresh air by his dog in order to avert a domestic mishap, was led by that very animal—whom, for simplicity’s sake, we shall call Bodo Beutlin—straight towards Dörte’s monstrous hound. Let us, equally simply, christen him Napoleon.

Napoleon was greatly agitated. The reason was soon found. Not far away, stretched out at full length in the still dew-wet grass of the broad roadside verge, lay Dörte’s body. All life had already left her. She had also plainly sustained several injuries in some event whose nature remained entirely obscure in the dim light of that grey morning.

Thus, a random collection of people privy to the vow of silence became a community of fate united by a shared secret. Suspicion naturally fell at once upon poor Trixie. I would have believed many things of her—but not, of all things, this.

To be continued …

Trixie Trulla killt Dicke Dörte


Eine nicht ganz ernsthafte Kriminalgeschichte · Teil 1

Trixie Trulla killt Dicke Dörte

Hinweis: Diese Erzählung ist Fiktion. Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären nicht nur zufällig, sondern vermutlich das Werk einer besonders geschwätzigen Nachbarschaft.

In einem bürgerlichen Viertel einer deutschen Großstadt wurde ein Haus verkauft. In der Nachbarschaft wurde gemunkelt, der Kaufpreis sei exorbitant hoch gewesen, die Versprechen durchsichtig und unhaltbar, und am Ende sei zusätzlich noch ein hoher Renovierungsbedarf festgestellt worden.

Irgendwann konnte eine der Nachbarinnen, die, da sie schräg gegenüber wohnte, gelegentlich zufälligen Kontakt mit den neuen Quartiergenossen hatte, nicht mehr an sich halten, ging auf die neue Nachbarin in gespielter Herzlichkeit zu und fragte unverblümt nach dem Kaufpreis.

Trixie wurde sie nach meiner inzwischen verblassenden Erinnerung genannt, manchmal auch mit dem despektierlichen Suffix „Trulla“. Denn sie stand im Verdacht, angepasst bürgerliches Verhalten nur zu simulieren und nicht vollumfänglich mit Herz und Verstand zu bejahen. Es ist mir bis heute unklar geblieben, was damit eigentlich ausgesagt werden sollte. Aber vielleicht lag die Botschaft ja gerade im Ungefähren, Unbestimmten, sodass ein jeglicher sich die verbleibenden Lücken mit seiner Fantasie füllen konnte oder auch sollte.

Die von Neugier gepeinigte Schräg-Gegenüber-Nachbarin wurde Dörte gerufen. Sie war eine etwas vollumfängliche Dame, die häufig ihren riesigen schwarzen Hund auf seinen gewohnten Gassi-Gängen begleiten musste – Hund führt Frauchen aus.

Nachdem Dörte nun unsere wehrlose Trixie mit allerlei simulierter Freundlichkeit weichgekocht hatte, ließ diese schließlich einen Kaufpreis heraus – sagen wir einfach einmal eine Million Euro. Für die Preisgabe dieser ursprünglich geheim gehaltenen Schlüsselinformation musste besagte Dörte allerdings ein Verschwiegenheitsgelübde ablegen – verbunden mit der sicherlich nicht recht ernst gemeinten Drohung: „Sonst bringe ich dich um!“

Nun ist es seit unvordenklichen Zeiten kein Geheimnis, dass sich nichts so schnell verbreitet wie unter dem Mantel der Verschwiegenheit offenbarte „Geheimnisse“. Bald also wusste das ganze Viertel Bescheid und nickte einander wissend zu, wenn man zufällig an dem hier in Rede stehenden Haus vorbeikam. Um nicht für den vorzeitigen Tod der doch als Gerüchte-Verbreitungszentrale hoch geschätzten Dicken Dörte verantwortlich zu sein, gab man sich zu diesem Thema allerdings bemüht wortkarg.

Nun begab sich aber an einem grauen Novembermorgen ein tragischer Vorfall: Ein unfreiwilliger Frühaufsteher, der ebenfalls von seinem Hund – um ein Malheur zu vermeiden – vorzeitig an die zu diesem frühen Zeitpunkt noch ungeliebte frische Luft getrieben worden war, wurde von ebendiesem Hund, nennen wir ihn der Einfachheit halber Bodo Beutlin, mit Dörtes Monster-Hund konfrontiert. Diesen wollen wir einfach einmal Napoleon taufen.

Napoleon war sehr aufgeregt. Der Grund dafür fand sich schnell. Unweit fand sich, lang ins noch taufeuchte Gras des breiten Straßenrands hingestreckt – Dörtes Körper. Alles Leben war bereits aus ihr entwichen. Auch hatte sie von irgendeinem Vorfall, der sich hier im trüben Licht des grauen Morgens noch keineswegs erschloss, erkennbar einige Verletzungen davongetragen.

Damit war aus der zufälligen Gruppe der über das Verschwiegenheitsgelübde Eingeweihten eine Schicksalsgemeinschaft der Geheimnisträger geworden. Aller Verdacht fiel natürlich sofort auf die arme Trixie. Ich hätte ihr ja vieles zugetraut – das hier aber nun gerade nicht.

Fortsetzung folgt …

2026-04-01

Was wäre, wenn Europa der Schweiz beiträte?


Ein politisches Gedankenexperiment zum 1. April

Ich nutze die Mehrdeutigkeit dieses Datums, das einen Freiraum  für allerlei unwahre Nachrichten, Witze und Provokationen bietet, um hier eine kühne, aber logisch überzeugende Utopie zu entwerfen.

Dieser Beitrag stellt eine gewagte Hypothese auf - und behandelt sie ernsthaft: Könnte die langjährige Erfahrung der Schweiz mit mehrsprachigem Föderalismus, dezentraler Legitimität, Neutralität und gesellschaftlichem Zusammenhalt Europa ein verfassungsrechtliches und geopolitisches Modell für die Zukunft bieten? 1

Eine listige Frage verlangt nach einer ehrlichen Antwort

Am 1. April mag man verzeihen, wenn das eher Unwahrscheinliche in Betracht gezogen wird. Doch manche Unwahrscheinlichkeiten offenbaren tiefere Wahrheiten, als es der nüchterne Realismus zulassen würde. Was wäre, wenn Europa – zersplittert, zögerlich und strategisch abhängig – sich nicht als ein Imperium oder technokratische bürokratische Integration, sondern als ein Modell wiederentdecken würde, das sich bereits in seiner Mitte bewährt hat? 2

Der Vorschlag mag zunächst absurd klingen: nicht „die Vereinigten Staaten von Europa“, nicht eine zentralisierte Republik, sondern ein kontinentaler Bundesstaat nach dem Vorbild der Schweiz. Und je mehr man über Europas Dilemmata der Legitimität, strategischen Abhängigkeit, sprachlichen Vielfalt und regionalen Diversität nachdenkt, desto weniger trivial erscheint dieses Gedankenexperiment 3.

Warum die Schweiz gegründet wurde: Ein Staatenbund gegen die Macht

Die Schweiz entstand nicht als idealistische Predigt für Toleranz. Sie entstand als Überlebensstrategie. Im Jahr 1291 schlossen die Waldkantone Uri, Schwyz und Unterwalden einen Verteidigungspakt, der Frieden, gegenseitige Hilfe und rechtliche Selbstverteidigung in einer strategisch exponierten Alpenregion gewährleisten sollte 4. Das Motiv war sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur: Die Kontrolle über die Alpenverkehrswege, vor allem den Gotthardkorridor, machte die lokale Autonomie zu einer Frage existenzieller Bedeutung 5.

Warum geschah das? Und, wie konnte diese unwahrscheinliche Vereinbarung trotz gewaltiger dynastischer Widerstände, insbesondere gegen die habsburgischen Ambitionen, Erfolg haben? Mehrere Faktoren spielten zusammen. Generell erschwerte die Geografie Eroberungen. Die Wahrnehmung, gemeinsam Bedrohungen ausgesetzt zu sein, förderte die Solidarität untereinander. Die lokalen Eliten hatten allen Grund zur Kooperation, ohne dab ei ihre Autonomie aufzugeben. Und die Eidgenossenschaft war pragmatisch: Sie forderte nur das Notwendige ein – gegenseitige Unterstützung, grundsätzliche Friedfertigkeit und gemeinsame Verteidigung –, aber keine vollständige Verschmelzung 6.

  • Das gut zu verteidigende gebirgige Gelände begünstigte die lokalen Verteidiger.
  • Gemeinsamer äußerer Druck führte zu dauerhaftem inneren Zusammenhalt.
  • Die politische Zusammenarbeit blieb begrenzt und war daher akzeptabel.
  • Wirtschaftliche Anreize bestärkten den Willen, die Autonomie zu wahren.

In moderner analytischer Sprache ausgedrückt, entstand die Schweiz als ein dezentraler Sicherheitspakt kleiner politischer Gemeinschaften, die unter asymmetrischen Machtverhältnissen ihre Selbstverwaltung bewahren wollten.

Wie die Schweiz bis heute überlebte? 

Warum die Schweiz überlebte: Neutralität, Gleichgewicht und innerer Zusammenhalt

Die Beständigkeit der Schweiz ist vielleicht noch bemerkenswerter als ihre Entstehung. Jahrhundertelang von größeren, reicheren und oft militärisch stärkeren Nachbarn umgeben, überlebte sie dennoch, passte sich an und gedieh schließlich sogar . Diese Widerstandsfähigkeit ruhte auf drei miteinander verbundenen Säulen: der Neutralität, einem innerem Gleichgewicht und auf tiefer lokaler Legitimität 7.

Die 1815 formell anerkannte Neutralität war kein Ausdruck von Schwäche, sondern eine ausgeklügelte Überlebensstrategie. Die Schweiz signalisierte, dass sie nicht als Sprungbrett für Großmachtkonflikte dienen würde, gleichzeitig aber genügend militärische Glaubwürdigkeit bewahren konnte, um leichtfertige Aggressoren bazuschrecken 8.

Im Inland schaffte die Schweiz die Vielfalt nicht ab, sondern institutionalisierte sie. Deutsch-, Französisch-, Italienisch- und Rätoromanischsprachige Bevölkerungsgruppen wurden nicht in ein einheitliches, homogenes Schema gepresst. Auch religiöse Konflikte wurden durch institutionelle Kompromisse eingedämmt, anstatt per Zwang beigelegt zu werden 9.Das Ergebnis war eine politische Kultur, in der der Pluralismus regierte und nicht geleugnet wurde.

Schließlich entwickelte die Schweiz durch lokale Selbstverwaltung und direkte demokratische Teilhabe eine ungewöhnlich starke Legitimationsgrundlage 9. Die Bürger wurden nicht einfach regiert, sondern immer wieder zur Mitbestimmung aufgefordert. Dieser Unterschied zu den meisten anderen Demokratien scheint besonders bedeutsam zu sein 10.

Transformation: Vom losen Staatenbund zum Bundesstaat

Die Geschichte der Schweiz ist keine Geschichte statischer Kontinuität. Sie hat ihre Form wieder und wieder verändert. Der alte Staatenbund des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit unterschied sich wesentlich vom 1848 gegründeten Bundesstaat. In der Zwischenzeit war geprägt durch Bündnisse, Expansionen, konfessionelle Konflikte, die napoleonischen Wirren, die Restauration und die Neugestaltung der Verfassung 11.

Der entscheidende Wendepunkt war das Jahr 1848. Nach dem Sonderbundskrieg wandelte sich die Schweiz von einem relativ lockeren Staatenbund zu einem modernen Bundesstaat mit gemeinsamen Institutionen, wobei die kantonale Souveränität weitgehend erhalten blieb. Dieser Balanceakt ist eine ihrer größten verfassungsrechtlichen Errungenschaften: ausreichend Einheitlichkeit, um nach außen handlungsfähig zu sein, und genug Dezentralität, um akzeptiert zu bleiben 12.

Europa hat versucht, ein ähnliches Problem zu lösen. Es strebte nach Einheit, ohne die Vielfalt abzuschaffen, und nach Koordination, ohne die lokalen Identitäten auszulöschen. Doch die Schweiz hat dieses Dilemma offensichtlich eleganter gelöst.  Sie knüpfte eine wirksamere politische Ordnung an ein stärkeres Subsidiaritätsprinzip und die Zustimmung des Volkes .

Warum die Schweiz ein Vorbild für Europa sein könnte

Die Schweiz ist für Europa nicht aufgrund ihrer Lage oder Größe wichtig, sondern weil sie zeigt, dass politische Einheit keine kulturelle Homogenität erfordert. Französische, deutsche, italienische und rätoromanische Gemeinschaften teilen sich einen Staat, ohne vorzugeben, identisch zu sein. Das ist für Europa offensichtlich relevant : Europa schwankte oft zwischen zwei schlechten Optionen: entweder einer bloß lockeren Zusammenarbeit oder einer Integration, die sich für die Bürger zu weit von ihrem Alltag entfernt anfühlt 13.

Schweizer ErfahrungMögliche europäische Relevanz
Mehrsprachiges Zusammenleben innerhalb eines StaatesEuropa braucht keine einheitliche Sprache oder einheitliche Kultur vor einer Vertiefung der politischen Union.
Starke kantonale AutonomieRegionale / lokale Selbstverwaltung könnte die Legitimität von Europa als Staat stärken.
Direkte demokratische InstrumenteBürger könnten direkt in verfassungsrechtliche und strategische Fragen einbezogen werden.
Neutralität mit VerteidigungsbereitschaftEuropa könnte eine strategische Autonomie ohne eine Abhängigkeit von externen Großmächten erreichen.

Die EU hat bereits Elemente konföderaler und föderaler Logik verwirklicht. Doch mangelt es ihr oft an emotionaler Legitimität und verfassungsrechtlicher Klarheit.

Die Schweiz legt nahe, dass dauerhafte Einheit weniger durch administrative Hierarchien als vielmehr durch einen überzeugenden Pakt zwischen Völkern und Regionen entsteht.

Steuert Europa auf eine Situation ähnlich der frühen Schweiz zu?

Hier gewinnt das Gedankenexperiment an politischer Brisanz. Europa befindet sich heute im Spannungsfeld zwischen Großmächten und konkurrierenden geopolitischen Intgeressen. Es ist wirtschaftlich stark, kulturell reich und normativ einflussreich, aber gleichzeitig strategisch zögerlich und militärisch abhängig 14.

Darin wird eine strukturelle Parallele sichtbar – keine Identität, sondern eine Parallele – zu der Situation, aus der die Schweiz ursprünglich hervorging. Damals suchten kleine Alpengemeinden Sicherheit und Autonomie in einem rauen Umfeld stärkerer und aggressiver Nachbarn. Heute haben viele Europäer zunehmend das Gefühl, dass auch der Kontinent eine geschlossenere politische Struktur benötigt, um nicht länger nur die Arena zu bleiben, in der andere Akteure ihre Rivalitäten austragen.

Es reicht! Wir wollen nicht zwischen den Supermächten zerrieben werden. Wir wollen nicht in die Kriege anderer Nationen hineingezogen werden. Wir wollen vertrauenswürdig, friedlich,  aber verteidigungsbereit, respektiert und politisch souverän sein.

Dieser Satz ist noch nicht Europas bürgerliches Credo. Wir können uns jedoch Bedingungen vorstellen, unter denen es dazu kommen könnte.

Die Vision: Europa als Föderation von Kantonen

Nehmen wir daher die scherzhafte Hypothese vom 1. April für einen Moment ernst. Stellen wir uns vor, die Völker Europas kämen zu dem Schluss, dass die bestehende Kombination aus nationaler Zersplitterung und supranationaler Technokratie unzureichend sei. Sie entschieden sich stattdessen für eine radikal föderale, basisdemokratische Neugründung.

In dieser Vision dezentralisieren sich die heutigen Staaten intern und formieren sich extern neu. Deutsche und österreichische Bundesländer, französische Départements, italienische Regionen, spanische autonome Gemeinschaften und vergleichbare Gebietskörperschaften auf dem gesamten Kontinent würden zu den effektiven Bausteinen einer neuen europäischen Föderation. Europa würde seine Regionen nicht abschaffen, sondern sie aufwerten 15.

Die daraus resultierende Ordnung würde nicht zu zentralisierten Imperium werden. Sie würde eher einer kontinentalen Schweiz ähneln:

  • ein gemeinsamer Rahmen für Außen- und Verteidigungspolitik,
  • eine weitaus stärkere lokale Autonomie,
  • verfassungsmäßige Mehrsprachigkeit,
  • Subsidiarität als Leitprinzip statt als Schlagwort,
  • sowie Instrumente der direkten Demokratie für wichtige strategische Fragen.

Utopisch? Gewiss. Aber vielleicht nicht utopischer, als es die Schweiz einst war.

Einwände – und warum sie ernst genommen werden müssen

Das vorgestellte Modell ist nicht gegen allerlei Einwände immun: Europa ist weitaus größer als die Schweiz. Seine Geschichte ist von Kriegen, imperialen Ansprüchen und nationalen Gedächtnissen belastet. Seine soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten ist größer. Externe Verpflichtungen, Bündnisse und institutionelle Unterschiede sind weitaus vielfältiger. Diese Einwände sind berechtigt und lassen sich nicht schlicht ignorieren 16.

Das Ziel eines ernsthaften politischen Essays ist es jedoch nicht, Machbarkeit mit Bedeutung zu verwechseln. Es geht nicht darum, zu fordern, dass Europa sich buchstäblich „der Schweiz anschließen“ möge - auch wenn das der effektivste Weg wäre. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob die schweizerische Verfassungslogik – Föderalismus, Neutralität, lokale Legitimität und Einheit in Vielfalt – Lehren birgt, die Europa noch nicht ausreichend verinnerlicht hat.

Ein Aprilscherz mit strategischem Ziel

Große politische Umwälzungen beginnen oft mit intellektuellen Provokationen. Sie beginnen mit Fragen, die töricht klingen, weil sie die emotionalen Gewohnheiten ihrer Zeit in Frage stellen. Die Schweiz selbst war einst eine Utopie, ein unwahrscheinlicher Zusammenschluss kleiner, alpiner Gemeinden. Auch die Europäische Union wäre einst als Fantasie abgetan worden.

„Was wäre, wenn ganz Europa der Schweiz beiträte?“ ist daher mehr als ein Aprilscherz. Es ist eine bewusste Provokation. Sie regt uns dazu an, uns zu fragen, ob die Zukunft Europas weniger von der Zielvorstellung abhängt, ein Superstaat zu werden, als vielmehr davon, eine auf wechselseitigem Vertrauen basierende Föderation selbstbewusster Völker – demokratisch, international respektiert, friedlich, verteidigungsbereit und strategisch autonom. Europa muss weder ein neues Rom noch eine Kopie Amerikas werden. Es sollte stattdessen einfach schweizerischer werden - und das ziemlich bald.

Endnoten

  1. Die einleitende Darstellung stützt sich auf gängige Erklärungen des schweizerischen Föderalismus und der Konsensdemokratie, insbesondere auf Linders Interpretation der Schweiz als eines Gemeinwesens, das durch institutionelle Gestaltung tiefgreifende kulturelle Vielfalt bewältigen kann.↩
  2. Zur umfassenderen verfassungsrechtlichen und historischen Besonderheit des schweizerischen Falls siehe den prägnanten historischen Überblick von Church und Head.↩
  3. Für den konzeptionellen Hintergrund von Nation und politischer Gemeinschaft bleibt Andersons Theorie der „imaginierten Gemeinschaften“ grundlegend.↩
  4. Die Bundesurkunde von 1291 wird gemeinhin als symbolischer Ausgangspunkt der Schweizerischen Eidgenossenschaft angesehen, auch wenn Historiker zu Recht auf die Komplexität der frühen Staatsbildung in der Schweiz hinweisen.↩
  5. Die strategische Bedeutung des Alpentransits, insbesondere der Gotthardroute, ist ein immer wiederkehrendes Thema in Darstellungen über die Anfänge des Schweizer Zusammenhalts. ↩
  6. Church und Head betonen den pragmatischen, auf Bündnissen basierenden und oft zufälligen Charakter der Schweizer Anfänge; Mythos und historischer Prozess müssen sorgfältig unterschieden werden. ↩
  7. Lijpharts Arbeiten zur Konsensdemokratie tragen dazu bei zu erklären, warum Machtteilung und Kompromissbereitschaft gespaltene Gesellschaften stabilisieren können. ↩
  8. Die Schweizer Neutralität wurde 1815 auf dem Wiener Kongress von den Großmächten anerkannt und entwickelte sich fortan zu einem prägenden Element der Schweizer Außenpolitik. ↩
  9. Zu religiösen und sprachlichen Anpassungen in der Schweiz siehe Linders Analyse des Konfliktmanagements in multikulturellen Kontexten. ↩
  10. Die direkte Demokratie in der Schweiz ist nicht nur eine institutionelle Kuriosität; sie ist von zentraler Bedeutung für die Schaffung von Legitimität und politischem Vertrauen. ↩
  11. Die napoleonische Intervention, die Helvetische Republik und die Ordnung nach 1815 sind allesamt entscheidende Übergangsphasen in der verfassungsrechtlichen Entwicklung der Schweiz. ↩
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. ↩
  13. Die Bedeutung der Schweiz für Europa liegt weniger in der Nachahmung als vielmehr in der Analogie: Verschiedene Völker können einen Staat teilen, wenn die Institutionen genügend Vertrauen genießen. ↩
  14. Zum Argument, dass die geopolitische Lage Europas eine größere strategische Handlungsfähigkeit und Autonomie erfordert, siehe die aktuellen politischen Debatten rund um die „strategische Autonomie“ sowie die längere intellektuelle Geschichte Europas als eigenständige politische Zivilisation. ↩
  15. In Italien werden die wichtigsten subnationalen Einheiten als regioni (Regionen) bezeichnet. Der hier vorgestellte konzeptionelle Vorschlag nutzt die bestehenden territorialen Einheiten Europas als Bausteine für eine künftige föderale Ordnung. ↩
  16. Milwards klassische Interpretation ist eine heilsame Korrektur: Die europäische Integration hat die Nationalstaaten historisch gesehen ebenso gestärkt, wie sie über sie hinausging. ↩

Referenzen

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Grundlegende Theorie der Nationenbildung und kollektiven Identität. Nützlich für die Frage, ob ein europäisches bürgerliches „Volk“ jenseits bestehender nationaler Narrative entstehen könnte.

Church, C. H., & Head, R. C.(2013).Eine kurze Geschichte der Schweiz. Cambridge University Press.

  • Eine der zuverlässigsten kurzen wissenschaftlichen Darstellungen der Geschichte der Schweiz. Besonders wertvoll für die mittelalterlichen Ursprünge des Landes, seine Entwicklung zum Schweizer Bund und seinen Wandel im Jahr 1848.

Europäischer Rat für Auswärtige Beziehungen. (2021). Strategische Autonomie: Europas Weg nach vorn.

  • Politisch orientierte Quelle für die moderne Debatte über Europas geopolitische Selbstbehauptung, Verteidigungsbereitschaft und verringerte externe Abhängigkeit.

Lijphart, A. (2012). Demokratiemuster: Regierungsformen und ihre Leistungsfähigkeit in 36 Ländern (2. Aufl.). Yale University Press.

  • Klassisches Lehrbuch der vergleichenden Politikwissenschaft. Die Schweiz dient als wichtiges Beispiel für Konsensdemokratie und institutionelle Anpassung in pluralistischen Gesellschaften.

Linder, W. (2010). Schweizer Demokratie: Mögliche Lösungen für Konflikte in multikulturellen Gesellschaften (3. Aufl.). Palgrave Macmillan.

  • Linder stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Schweizer Institutionen und der umfassenderen Herausforderung her, diverse Gemeinschaften innerhalb eines Gemeinwesens zu regieren.

Milward, A. S. (2000). Die europäische Rettung des Nationalstaats (2. Aufl.). Routledge.

  • Ein wichtiger Gegenpol. Milward argumentiert, dass die europäische Integration die Nationalstaaten nicht so sehr ersetzt, sondern vielmehr gestärkt und gerettet hat.

Steiner, G.(2004). Die Idee Europas. Nexus Institute.

  • Philosophische und kulturelle Reflexionen über Europas zivilisatorische Identität. Hilfreich für ein tieferes intellektuelles Verständnis.

Schweizer Bundeskanzlei. (2023). Die Schweizerische Eidgenossenschaft: Ein kurzer Leitfaden. Bundesverwaltung.

  • Eine maßgebliche institutionelle Übersicht der Schweizer Bundesbehörden, die als Grundlage für die Diskussion der aktuellen Strukturen im Essay dient.

What if All Europe Joined Switzerland?


A Political Thought Experiment for April 1st

Taking advantage of the ambiguity that this date offers for all manner of news items, jokes and provocations, I would like to set out here a bold but logically compelling utopia.

Hence this essay embraces a daring hypothesis, yet treats it with full seriousness: could Switzerland’s long experience of multilingual federalism, decentralised legitimacy, neutrality, and civic cohesion offer Europe a constitutional and geopolitical model for the future?1

A tricky question calls for an honest answer

On April 1st, one may be forgiven for entertaining the improbable. Yet some improbabilities reveal deeper truths than sober realism allows. What if Europe—fragmented, hesitant, and strategically dependent—were to rediscover itself not through empire, nor through technocratic bureaucratic integration, but through a model already tested at its very heart?2

The proposition sounds absurd on first hearing: not “the United States of Europe,” not a centralised republic, but rather a continental federation inspired by Switzerland. And yet the more one reflects on Europe’s dilemmas of legitimacy, strategic dependency, linguistic plurality, and regional diversity, the less frivolous the thought experiment appears.3

Why Switzerland Was Created: A Confederation Against Power

Switzerland did not begin as an idealistic sermon on tolerance. It began as a survival strategy. In 1291, the forest cantons of Uri, Schwyz, and Unterwalden entered into a defensive pact intended to preserve peace, mutual aid, and legal self-protection in a strategically exposed Alpine region.4 The motive was both political and economic: control over Alpine transit routes, above all the Gotthard corridor, made local autonomy a matter of existential importance.5

Why did this improbable arrangement succeed against formidable dynastic odds, particularly against Habsburg ambitions? Several factors converged. Geography made conquest difficult. Shared threat perception encouraged solidarity. Local elites had every reason to cooperate without surrendering their autonomy. And the confederation was pragmatic: it asked only for what was necessary—mutual support, basic peace, and common defence—not for total fusion.6

  • Defensible mountain terrain favoured the local defenders.
  • Shared external pressure generated durable internal cohesion.
  • Political cooperation remained limited and therefore acceptable.
  • Economic incentives reinforced the will to protect autonomy.

In modern analytical language, Switzerland emerged as a decentralised security compact among small political communities seeking to preserve self-rule under conditions of asymmetrical power.

Why Switzerland Persisted: Neutrality, Balance, and Internal Cohesion

Switzerland’s persistence is perhaps even more remarkable than its birth. Surrounded over the centuries by larger, richer, and often more militarily powerful neighbours, it nevertheless survived, adapted, and ultimately flourished. This endurance rested on three interlocking pillars: neutrality, internal balance, and deep local legitimacy.7

Neutrality, formally recognised in 1815, was not an expression of weakness but a sophisticated survival doctrine. Switzerland signalled that it would not serve as a springboard for great-power conflict, while simultaneously maintaining sufficient military credibility to deter easy coercion.8

At home, Switzerland did not abolish diversity. It institutionalised it. German-, French-, Italian-, and Romansh-speaking populations were not forced into a single homogenising mould. Religious conflict, too, was contained through institutional compromise rather than permanently settled through domination.9 The result was a political culture in which pluralism could be governed without being denied.

Finally, Switzerland developed an unusually strong basis of legitimacy through local self-government and direct democratic participation. Citizens were not merely ruled; they were repeatedly asked to decide. That difference matters.10

Transformation: From Loose Confederation to Federal State

Switzerland’s history is not one of static continuity. It repeatedly changed form. The old confederation of the late medieval and early modern period differed substantially from the federal state created in 1848. Between those moments lay alliance, expansion, confessional conflict, Napoleonic disruption, restoration, and constitutional reinvention.11

The key turning point was 1848. In the aftermath of the Sonderbund War, Switzerland moved from a relatively loose confederation toward a modern federal state with common institutions, while preserving substantial cantonal sovereignty. This balancing act is one of its greatest constitutional achievements: enough unity to act, enough decentralisation to remain legitimate.12

Europe has tried to solve a similar problem. It has sought unity without abolishing diversity, and coordination without extinguishing local identities. Yet Switzerland arguably solved this puzzle with greater elegance, because it tied political order to a much stronger principle of subsidiarity and popular consent.

Why Switzerland Could Be a Model for Europe

Switzerland matters to Europe not because it is large, but because it demonstrates that political unity does not require cultural homogeneity. French, German, Italian, and Romansh communities share a state without pretending to be identical. This is of obvious relevance to Europe, which has often oscillated between two bad options: either mere loose cooperation, or integration that feels too remote from ordinary citizens.13

Swiss ExperiencePossible European Relevance
Multilingual coexistence within one polityEurope need not wait for a single language or uniform culture before deepening political union
Strong cantonal autonomyRegional and local self-government could strengthen legitimacy across Europe
Direct democratic instrumentsCitizens could be drawn more directly into constitutional and strategic questions
Neutrality with defence readinessEurope could imagine strategic autonomy beyond dependency on external great powers

The EU already contains elements of confederal and federal logic, but it often lacks emotional legitimacy and constitutional clarity. Switzerland suggests that durable unity emerges less from administrative layering than from a convincing pact among peoples and places.

Is Europe Approaching a Situation Similar to Early Switzerland?

Here the thought experiment becomes politically sharp. Europe today finds itself squeezed between larger powers and competing geopolitical logics. It is economically formidable, culturally rich, and normatively influential, yet strategically hesitant and militarily dependent.14

This creates a structural parallel—not an identity, but a parallel—to the predicament from which Switzerland originally emerged. Then, small Alpine communities sought safety and autonomy in a harsh world of stronger neighbours. Today, many Europeans may increasingly feel that the continent, too, requires a more cohesive political form if it is not to remain merely the arena in which others pursue their rivalries.

Enough is enough. We do not want to be squeezed between the superpowers. We do not want to be pushed into other nation’s wars. We want to be peaceful, trusted, defence-ready, and politically sovereign.

That sentence is not yet Europe’s civic credo. But one can imagine conditions under which it might become one.

The Vision: Europe as a Federation of Cantons

Let us therefore take the April 1st hypothesis seriously for a moment. Imagine that Europe’s peoples conclude that the existing combination of national fragmentation and supranational technocracy is insufficient. They decide instead on a radically federal, bottom-up refoundation.

In this vision, today’s states devolve internally and recompose externally. German Bundesländer, Austrian Bundesländer, French départements, Italian regioni, Spanish autonomous communities, and comparable territorial units across the continent become the effective building blocks of a new European confederation.15 Europe would not abolish its regions; it would elevate them.

The resulting order would not resemble a centralised empire. It would resemble a continental Switzerland:

  • a common external and defence framework,
  • far stronger local autonomy,
  • constitutional multilingualism,
  • subsidiarity as an operative principle rather than a slogan,
  • and direct democratic instruments for major strategic questions.

Utopian? Certainly. But perhaps no more utopian than Switzerland once was.

Objections—and Why They Must Be Taken Seriously

The model is vulnerable to strong objections. Europe is vastly larger than Switzerland. Its histories of war, empire, and national memory weigh heavier. Its social and economic disparities are wider. External commitments, alliances, and institutional path dependencies are far more complex. These objections are real and cannot be waved aside.16

Yet the purpose of a serious political essay is not to confuse feasibility with significance. The point is not to predict that Europe will literally “join Switzerland” -  although this might be the most effective way. The point is to ask whether the Swiss constitutional logic—federalism, neutrality, local legitimacy, and unity through diversity—contains lessons that Europe has still not fully absorbed.

Finally: An April Fool’s Joke with Strategic Intent

Great political transformations often begin as intellectual impossibilities. They start as questions that sound foolish because they challenge the emotional habits of their age. Switzerland itself was once an improbable arrangement of alpine communities. The European Union, too, would once have been dismissed as fantasy.

“What if all Europe joined Switzerland?” is therefore not merely a joke for April 1st. It is a disciplined provocation. It invites us to ask whether Europe’s future might depend less on becoming a superstate, and more on becoming a trusted federation of self-respecting peoples - peaceful, democratic, defence-ready, and strategically autonomous.

In that sense, the essay’s true argument is simple: Europe may not need to become a new Rome, nor a copy of America. It may need, instead, to become more Swiss.

Endnotes

  1. The introductory framing draws on standard accounts of Swiss federalism and consensus democracy, especially Linder’s interpretation of Switzerland as a polity capable of managing deep cultural diversity through institutional design. ↩
  2. On the broader constitutional and historical distinctiveness of the Swiss case, see Church and Head’s concise historical overview. ↩
  3. For the conceptual background on nationhood and political community, Anderson’s theory of “imagined communities” remains foundational. ↩
  4. The 1291 Federal Charter is commonly treated as the symbolic starting point of the Swiss Confederation, though historians rightly stress the complexity of early Swiss state formation. ↩
  5. The strategic significance of Alpine transit, especially the Gotthard route, is a recurring theme in accounts of early Swiss cohesion. ↩
  6. Church and Head emphasise the pragmatic, alliance-based, and often contingent nature of Swiss beginnings; myth and historical process must be carefully distinguished. ↩
  7. Lijphart’s work on consensus democracy helps explain why power-sharing and accommodation can stabilise divided societies. ↩
  8. Swiss neutrality was recognised by the major powers at the Congress of Vienna in 1815 and became a defining element of Swiss external posture thereafter. ↩
  9. On religious and linguistic accommodation in Switzerland, see Linder’s analysis of conflict management in multicultural settings. ↩
  10. Direct democracy in Switzerland is not merely an institutional curiosity; it is central to the production of legitimacy and political trust. ↩
  11. Napoleonic intervention, the Helvetic Republic, and the post-1815 settlement are all crucial transitional stages in Swiss constitutional development. ↩
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. ↩
  13. Switzerland’s relevance to Europe lies less in imitation than in analogy: multiple peoples can share a state if institutions command sufficient trust. ↩
  14. For the argument that Europe’s geopolitical position requires greater strategic capacity and autonomy, see current policy debates around “strategic autonomy,” as well as the longer intellectual history of Europe as a distinct political civilisation. ↩
  15. In Italy, the principal subnational units are called regioni (regions). The speculative proposal here uses Europe’s existing territorial units as the building blocks of a future confederal order. ↩
  16. Milward’s classic interpretation is a salutary corrective: European integration historically strengthened nation-states as much as it transcended them. ↩

References

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Foundational theory of nation-building and collective identity. Useful for asking whether a European civic “people” could emerge beyond existing national narratives.

Church, C. H., & Head, R. C. (2013). A concise history of Switzerland. Cambridge University Press.

  • One of the most reliable short academic histories of Switzerland. Particularly valuable for the country’s medieval origins, confederal development, and transformation in 1848.

European Council on Foreign Relations. (2021). Strategic autonomy: Europe’s path forward.

  • Policy-oriented source for the modern debate on Europe’s geopolitical self-assertion, defence readiness, and reduced external dependency.

Lijphart, A. (2012). Patterns of democracy: Government forms and performance in thirty-six countries (2nd ed.). Yale University Press.

  • Classic comparative political science text. Switzerland serves as a major case for consensus democracy and institutional accommodation in plural societies.

Linder, W. (2010). Swiss democracy: Possible solutions to conflict in multicultural societies (3rd ed.). Palgrave Macmillan.

  • It directly connects Swiss institutions to the broader challenge of governing diverse communities within one polity.

Milward, A. S. (2000). The European rescue of the nation-state (2nd ed.). Routledge.

  • Essential counterpoint. Milward argues that European integration did not replace nation-states so much as reinforce and rescue them.

Steiner, G. (2004). The idea of Europe. Nexus Institute.

  • Philosophical and cultural reflection on Europe’s civilisational identity. Helpful for  a deeper intellectual understanding.

Swiss Federal Chancellery. (2023). The Swiss Confederation: A brief guide. Federal Administration.

  • Authoritative institutional overview from the Swiss federal authorities, useful for grounding the discussion of present-day structures.