Horst Walther

My near philosophical musings about the world in general its problems and possible ways out.

2026-09-18

Trixie Trulla Kills Big Dörte


A not entirely serious crime story · Part 1

Trixie Trulla Kills Big Dörte

Note: This story is a work of fiction. Names, characters and events are entirely imaginary. Any resemblance to persons living or dead would not merely be coincidental, but probably the work of a particularly talkative neighbourhood.

In a respectable district of a German city, a house had been sold. Neighbours whispered that the purchase price had been exorbitantly high, that the promises had been transparent and impossible to keep, and that, to crown it all, the new owners had subsequently discovered that extensive renovations were required.

Eventually, one of the neighbours, who lived diagonally opposite and therefore happened to encounter the newcomers from time to time, could contain herself no longer. She approached the new neighbour with simulated warmth and asked her bluntly what she had paid for the house.

As far as my now fading memory serves, the new owner was called Trixie, sometimes with the disparaging suffix “Trulla”. She was suspected of merely simulating respectable middle-class behaviour rather than embracing it wholeheartedly, both in spirit and intellect. To this day, I remain uncertain what exactly that was meant to convey. Perhaps the message lay precisely in its vagueness and indeterminacy, allowing—or inviting—everyone to fill the remaining gaps with their own imagination.

The diagonally-opposite neighbour, tormented by curiosity, was known as Dörte. She was a somewhat comprehensive lady who regularly had to accompany her enormous black dog on his customary walks—the dog taking his mistress out.

After Dörte had softened up our defenceless Trixie with every variety of simulated friendliness, Trixie finally let a purchase price slip—let us simply say one million euros. In return for divulging this originally closely guarded key information, Dörte had to swear a vow of silence, accompanied by the surely not entirely serious threat: “Otherwise I’ll kill you!”

Since time immemorial, it has been no secret that nothing travels faster than a “secret” revealed under the cloak of confidentiality. Before long, the entire neighbourhood knew and nodded knowingly to one another whenever they happened to pass the house in question. To avoid becoming responsible for the premature death of Big Dörte, who was highly valued as the neighbourhood’s rumour-distribution centre, everyone nevertheless made a conspicuous effort to remain tight-lipped on the subject.

Then, one grey November morning, a tragic incident occurred. A reluctant early riser, who had likewise been driven into the at that hour still unwelcome fresh air by his dog in order to avert a domestic mishap, was led by that very animal—whom, for simplicity’s sake, we shall call Bodo Beutlin—straight towards Dörte’s monstrous hound. Let us, equally simply, christen him Napoleon.

Napoleon was greatly agitated. The reason was soon found. Not far away, stretched out at full length in the still dew-wet grass of the broad roadside verge, lay Dörte’s body. All life had already left her. She had also plainly sustained several injuries in some event whose nature remained entirely obscure in the dim light of that grey morning.

Thus, a random collection of people privy to the vow of silence became a community of fate united by a shared secret. Suspicion naturally fell at once upon poor Trixie. I would have believed many things of her—but not, of all things, this.

To be continued …

Trixie Trulla killt Dicke Dörte


Eine nicht ganz ernsthafte Kriminalgeschichte · Teil 1

Trixie Trulla killt Dicke Dörte

Hinweis: Diese Erzählung ist Fiktion. Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären nicht nur zufällig, sondern vermutlich das Werk einer besonders geschwätzigen Nachbarschaft.

In einem bürgerlichen Viertel einer deutschen Großstadt wurde ein Haus verkauft. In der Nachbarschaft wurde gemunkelt, der Kaufpreis sei exorbitant hoch gewesen, die Versprechen durchsichtig und unhaltbar, und am Ende sei zusätzlich noch ein hoher Renovierungsbedarf festgestellt worden.

Irgendwann konnte eine der Nachbarinnen, die, da sie schräg gegenüber wohnte, gelegentlich zufälligen Kontakt mit den neuen Quartiergenossen hatte, nicht mehr an sich halten, ging auf die neue Nachbarin in gespielter Herzlichkeit zu und fragte unverblümt nach dem Kaufpreis.

Trixie wurde sie nach meiner inzwischen verblassenden Erinnerung genannt, manchmal auch mit dem despektierlichen Suffix „Trulla“. Denn sie stand im Verdacht, angepasst bürgerliches Verhalten nur zu simulieren und nicht vollumfänglich mit Herz und Verstand zu bejahen. Es ist mir bis heute unklar geblieben, was damit eigentlich ausgesagt werden sollte. Aber vielleicht lag die Botschaft ja gerade im Ungefähren, Unbestimmten, sodass ein jeglicher sich die verbleibenden Lücken mit seiner Fantasie füllen konnte oder auch sollte.

Die von Neugier gepeinigte Schräg-Gegenüber-Nachbarin wurde Dörte gerufen. Sie war eine etwas vollumfängliche Dame, die häufig ihren riesigen schwarzen Hund auf seinen gewohnten Gassi-Gängen begleiten musste – Hund führt Frauchen aus.

Nachdem Dörte nun unsere wehrlose Trixie mit allerlei simulierter Freundlichkeit weichgekocht hatte, ließ diese schließlich einen Kaufpreis heraus – sagen wir einfach einmal eine Million Euro. Für die Preisgabe dieser ursprünglich geheim gehaltenen Schlüsselinformation musste besagte Dörte allerdings ein Verschwiegenheitsgelübde ablegen – verbunden mit der sicherlich nicht recht ernst gemeinten Drohung: „Sonst bringe ich dich um!“

Nun ist es seit unvordenklichen Zeiten kein Geheimnis, dass sich nichts so schnell verbreitet wie unter dem Mantel der Verschwiegenheit offenbarte „Geheimnisse“. Bald also wusste das ganze Viertel Bescheid und nickte einander wissend zu, wenn man zufällig an dem hier in Rede stehenden Haus vorbeikam. Um nicht für den vorzeitigen Tod der doch als Gerüchte-Verbreitungszentrale hoch geschätzten Dicken Dörte verantwortlich zu sein, gab man sich zu diesem Thema allerdings bemüht wortkarg.

Nun begab sich aber an einem grauen Novembermorgen ein tragischer Vorfall: Ein unfreiwilliger Frühaufsteher, der ebenfalls von seinem Hund – um ein Malheur zu vermeiden – vorzeitig an die zu diesem frühen Zeitpunkt noch ungeliebte frische Luft getrieben worden war, wurde von ebendiesem Hund, nennen wir ihn der Einfachheit halber Bodo Beutlin, mit Dörtes Monster-Hund konfrontiert. Diesen wollen wir einfach einmal Napoleon taufen.

Napoleon war sehr aufgeregt. Der Grund dafür fand sich schnell. Unweit fand sich, lang ins noch taufeuchte Gras des breiten Straßenrands hingestreckt – Dörtes Körper. Alles Leben war bereits aus ihr entwichen. Auch hatte sie von irgendeinem Vorfall, der sich hier im trüben Licht des grauen Morgens noch keineswegs erschloss, erkennbar einige Verletzungen davongetragen.

Damit war aus der zufälligen Gruppe der über das Verschwiegenheitsgelübde Eingeweihten eine Schicksalsgemeinschaft der Geheimnisträger geworden. Aller Verdacht fiel natürlich sofort auf die arme Trixie. Ich hätte ihr ja vieles zugetraut – das hier aber nun gerade nicht.

Fortsetzung folgt …

2026-04-01

Was wäre, wenn Europa der Schweiz beiträte?


Ein politisches Gedankenexperiment zum 1. April

Ich nutze die Mehrdeutigkeit dieses Datums, das einen Freiraum  für allerlei unwahre Nachrichten, Witze und Provokationen bietet, um hier eine kühne, aber logisch überzeugende Utopie zu entwerfen.

Dieser Beitrag stellt eine gewagte Hypothese auf - und behandelt sie ernsthaft: Könnte die langjährige Erfahrung der Schweiz mit mehrsprachigem Föderalismus, dezentraler Legitimität, Neutralität und gesellschaftlichem Zusammenhalt Europa ein verfassungsrechtliches und geopolitisches Modell für die Zukunft bieten? 1

Eine listige Frage verlangt nach einer ehrlichen Antwort

Am 1. April mag man verzeihen, wenn das eher Unwahrscheinliche in Betracht gezogen wird. Doch manche Unwahrscheinlichkeiten offenbaren tiefere Wahrheiten, als es der nüchterne Realismus zulassen würde. Was wäre, wenn Europa – zersplittert, zögerlich und strategisch abhängig – sich nicht als ein Imperium oder technokratische bürokratische Integration, sondern als ein Modell wiederentdecken würde, das sich bereits in seiner Mitte bewährt hat? 2

Der Vorschlag mag zunächst absurd klingen: nicht „die Vereinigten Staaten von Europa“, nicht eine zentralisierte Republik, sondern ein kontinentaler Bundesstaat nach dem Vorbild der Schweiz. Und je mehr man über Europas Dilemmata der Legitimität, strategischen Abhängigkeit, sprachlichen Vielfalt und regionalen Diversität nachdenkt, desto weniger trivial erscheint dieses Gedankenexperiment 3.

Warum die Schweiz gegründet wurde: Ein Staatenbund gegen die Macht

Die Schweiz entstand nicht als idealistische Predigt für Toleranz. Sie entstand als Überlebensstrategie. Im Jahr 1291 schlossen die Waldkantone Uri, Schwyz und Unterwalden einen Verteidigungspakt, der Frieden, gegenseitige Hilfe und rechtliche Selbstverteidigung in einer strategisch exponierten Alpenregion gewährleisten sollte 4. Das Motiv war sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur: Die Kontrolle über die Alpenverkehrswege, vor allem den Gotthardkorridor, machte die lokale Autonomie zu einer Frage existenzieller Bedeutung 5.

Warum geschah das? Und, wie konnte diese unwahrscheinliche Vereinbarung trotz gewaltiger dynastischer Widerstände, insbesondere gegen die habsburgischen Ambitionen, Erfolg haben? Mehrere Faktoren spielten zusammen. Generell erschwerte die Geografie Eroberungen. Die Wahrnehmung, gemeinsam Bedrohungen ausgesetzt zu sein, förderte die Solidarität untereinander. Die lokalen Eliten hatten allen Grund zur Kooperation, ohne dab ei ihre Autonomie aufzugeben. Und die Eidgenossenschaft war pragmatisch: Sie forderte nur das Notwendige ein – gegenseitige Unterstützung, grundsätzliche Friedfertigkeit und gemeinsame Verteidigung –, aber keine vollständige Verschmelzung 6.

  • Das gut zu verteidigende gebirgige Gelände begünstigte die lokalen Verteidiger.
  • Gemeinsamer äußerer Druck führte zu dauerhaftem inneren Zusammenhalt.
  • Die politische Zusammenarbeit blieb begrenzt und war daher akzeptabel.
  • Wirtschaftliche Anreize bestärkten den Willen, die Autonomie zu wahren.

In moderner analytischer Sprache ausgedrückt, entstand die Schweiz als ein dezentraler Sicherheitspakt kleiner politischer Gemeinschaften, die unter asymmetrischen Machtverhältnissen ihre Selbstverwaltung bewahren wollten.

Wie die Schweiz bis heute überlebte? 

Warum die Schweiz überlebte: Neutralität, Gleichgewicht und innerer Zusammenhalt

Die Beständigkeit der Schweiz ist vielleicht noch bemerkenswerter als ihre Entstehung. Jahrhundertelang von größeren, reicheren und oft militärisch stärkeren Nachbarn umgeben, überlebte sie dennoch, passte sich an und gedieh schließlich sogar . Diese Widerstandsfähigkeit ruhte auf drei miteinander verbundenen Säulen: der Neutralität, einem innerem Gleichgewicht und auf tiefer lokaler Legitimität 7.

Die 1815 formell anerkannte Neutralität war kein Ausdruck von Schwäche, sondern eine ausgeklügelte Überlebensstrategie. Die Schweiz signalisierte, dass sie nicht als Sprungbrett für Großmachtkonflikte dienen würde, gleichzeitig aber genügend militärische Glaubwürdigkeit bewahren konnte, um leichtfertige Aggressoren bazuschrecken 8.

Im Inland schaffte die Schweiz die Vielfalt nicht ab, sondern institutionalisierte sie. Deutsch-, Französisch-, Italienisch- und Rätoromanischsprachige Bevölkerungsgruppen wurden nicht in ein einheitliches, homogenes Schema gepresst. Auch religiöse Konflikte wurden durch institutionelle Kompromisse eingedämmt, anstatt per Zwang beigelegt zu werden 9.Das Ergebnis war eine politische Kultur, in der der Pluralismus regierte und nicht geleugnet wurde.

Schließlich entwickelte die Schweiz durch lokale Selbstverwaltung und direkte demokratische Teilhabe eine ungewöhnlich starke Legitimationsgrundlage 9. Die Bürger wurden nicht einfach regiert, sondern immer wieder zur Mitbestimmung aufgefordert. Dieser Unterschied zu den meisten anderen Demokratien scheint besonders bedeutsam zu sein 10.

Transformation: Vom losen Staatenbund zum Bundesstaat

Die Geschichte der Schweiz ist keine Geschichte statischer Kontinuität. Sie hat ihre Form wieder und wieder verändert. Der alte Staatenbund des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit unterschied sich wesentlich vom 1848 gegründeten Bundesstaat. In der Zwischenzeit war geprägt durch Bündnisse, Expansionen, konfessionelle Konflikte, die napoleonischen Wirren, die Restauration und die Neugestaltung der Verfassung 11.

Der entscheidende Wendepunkt war das Jahr 1848. Nach dem Sonderbundskrieg wandelte sich die Schweiz von einem relativ lockeren Staatenbund zu einem modernen Bundesstaat mit gemeinsamen Institutionen, wobei die kantonale Souveränität weitgehend erhalten blieb. Dieser Balanceakt ist eine ihrer größten verfassungsrechtlichen Errungenschaften: ausreichend Einheitlichkeit, um nach außen handlungsfähig zu sein, und genug Dezentralität, um akzeptiert zu bleiben 12.

Europa hat versucht, ein ähnliches Problem zu lösen. Es strebte nach Einheit, ohne die Vielfalt abzuschaffen, und nach Koordination, ohne die lokalen Identitäten auszulöschen. Doch die Schweiz hat dieses Dilemma offensichtlich eleganter gelöst.  Sie knüpfte eine wirksamere politische Ordnung an ein stärkeres Subsidiaritätsprinzip und die Zustimmung des Volkes .

Warum die Schweiz ein Vorbild für Europa sein könnte

Die Schweiz ist für Europa nicht aufgrund ihrer Lage oder Größe wichtig, sondern weil sie zeigt, dass politische Einheit keine kulturelle Homogenität erfordert. Französische, deutsche, italienische und rätoromanische Gemeinschaften teilen sich einen Staat, ohne vorzugeben, identisch zu sein. Das ist für Europa offensichtlich relevant : Europa schwankte oft zwischen zwei schlechten Optionen: entweder einer bloß lockeren Zusammenarbeit oder einer Integration, die sich für die Bürger zu weit von ihrem Alltag entfernt anfühlt 13.

Schweizer ErfahrungMögliche europäische Relevanz
Mehrsprachiges Zusammenleben innerhalb eines StaatesEuropa braucht keine einheitliche Sprache oder einheitliche Kultur vor einer Vertiefung der politischen Union.
Starke kantonale AutonomieRegionale / lokale Selbstverwaltung könnte die Legitimität von Europa als Staat stärken.
Direkte demokratische InstrumenteBürger könnten direkt in verfassungsrechtliche und strategische Fragen einbezogen werden.
Neutralität mit VerteidigungsbereitschaftEuropa könnte eine strategische Autonomie ohne eine Abhängigkeit von externen Großmächten erreichen.

Die EU hat bereits Elemente konföderaler und föderaler Logik verwirklicht. Doch mangelt es ihr oft an emotionaler Legitimität und verfassungsrechtlicher Klarheit.

Die Schweiz legt nahe, dass dauerhafte Einheit weniger durch administrative Hierarchien als vielmehr durch einen überzeugenden Pakt zwischen Völkern und Regionen entsteht.

Steuert Europa auf eine Situation ähnlich der frühen Schweiz zu?

Hier gewinnt das Gedankenexperiment an politischer Brisanz. Europa befindet sich heute im Spannungsfeld zwischen Großmächten und konkurrierenden geopolitischen Intgeressen. Es ist wirtschaftlich stark, kulturell reich und normativ einflussreich, aber gleichzeitig strategisch zögerlich und militärisch abhängig 14.

Darin wird eine strukturelle Parallele sichtbar – keine Identität, sondern eine Parallele – zu der Situation, aus der die Schweiz ursprünglich hervorging. Damals suchten kleine Alpengemeinden Sicherheit und Autonomie in einem rauen Umfeld stärkerer und aggressiver Nachbarn. Heute haben viele Europäer zunehmend das Gefühl, dass auch der Kontinent eine geschlossenere politische Struktur benötigt, um nicht länger nur die Arena zu bleiben, in der andere Akteure ihre Rivalitäten austragen.

Es reicht! Wir wollen nicht zwischen den Supermächten zerrieben werden. Wir wollen nicht in die Kriege anderer Nationen hineingezogen werden. Wir wollen vertrauenswürdig, friedlich,  aber verteidigungsbereit, respektiert und politisch souverän sein.

Dieser Satz ist noch nicht Europas bürgerliches Credo. Wir können uns jedoch Bedingungen vorstellen, unter denen es dazu kommen könnte.

Die Vision: Europa als Föderation von Kantonen

Nehmen wir daher die scherzhafte Hypothese vom 1. April für einen Moment ernst. Stellen wir uns vor, die Völker Europas kämen zu dem Schluss, dass die bestehende Kombination aus nationaler Zersplitterung und supranationaler Technokratie unzureichend sei. Sie entschieden sich stattdessen für eine radikal föderale, basisdemokratische Neugründung.

In dieser Vision dezentralisieren sich die heutigen Staaten intern und formieren sich extern neu. Deutsche und österreichische Bundesländer, französische Départements, italienische Regionen, spanische autonome Gemeinschaften und vergleichbare Gebietskörperschaften auf dem gesamten Kontinent würden zu den effektiven Bausteinen einer neuen europäischen Föderation. Europa würde seine Regionen nicht abschaffen, sondern sie aufwerten 15.

Die daraus resultierende Ordnung würde nicht zu zentralisierten Imperium werden. Sie würde eher einer kontinentalen Schweiz ähneln:

  • ein gemeinsamer Rahmen für Außen- und Verteidigungspolitik,
  • eine weitaus stärkere lokale Autonomie,
  • verfassungsmäßige Mehrsprachigkeit,
  • Subsidiarität als Leitprinzip statt als Schlagwort,
  • sowie Instrumente der direkten Demokratie für wichtige strategische Fragen.

Utopisch? Gewiss. Aber vielleicht nicht utopischer, als es die Schweiz einst war.

Einwände – und warum sie ernst genommen werden müssen

Das vorgestellte Modell ist nicht gegen allerlei Einwände immun: Europa ist weitaus größer als die Schweiz. Seine Geschichte ist von Kriegen, imperialen Ansprüchen und nationalen Gedächtnissen belastet. Seine soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten ist größer. Externe Verpflichtungen, Bündnisse und institutionelle Unterschiede sind weitaus vielfältiger. Diese Einwände sind berechtigt und lassen sich nicht schlicht ignorieren 16.

Das Ziel eines ernsthaften politischen Essays ist es jedoch nicht, Machbarkeit mit Bedeutung zu verwechseln. Es geht nicht darum, zu fordern, dass Europa sich buchstäblich „der Schweiz anschließen“ möge - auch wenn das der effektivste Weg wäre. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob die schweizerische Verfassungslogik – Föderalismus, Neutralität, lokale Legitimität und Einheit in Vielfalt – Lehren birgt, die Europa noch nicht ausreichend verinnerlicht hat.

Ein Aprilscherz mit strategischem Ziel

Große politische Umwälzungen beginnen oft mit intellektuellen Provokationen. Sie beginnen mit Fragen, die töricht klingen, weil sie die emotionalen Gewohnheiten ihrer Zeit in Frage stellen. Die Schweiz selbst war einst eine Utopie, ein unwahrscheinlicher Zusammenschluss kleiner, alpiner Gemeinden. Auch die Europäische Union wäre einst als Fantasie abgetan worden.

Was wäre, wenn ganz Europa der Schweiz beiträte?“ ist daher mehr als ein Aprilscherz. Es ist eine bewusste Provokation. Sie regt uns dazu an, uns zu fragen, ob die Zukunft Europas weniger von der Zielvorstellung abhängt, ein Superstaat zu werden, als vielmehr davon, eine auf wechselseitigem Vertrauen basierende Föderation selbstbewusster Völker – demokratisch, international respektiert, friedlich, verteidigungsbereit und strategisch autonom. Europa muss weder ein neues Rom noch eine Kopie Amerikas werden. Es sollte stattdessen einfach schweizerischer werden - und das ziemlich bald.

Endnoten

  1. Die einleitende Darstellung stützt sich auf gängige Erklärungen des schweizerischen Föderalismus und der Konsensdemokratie, insbesondere auf Linders Interpretation der Schweiz als eines Gemeinwesens, das durch institutionelle Gestaltung tiefgreifende kulturelle Vielfalt bewältigen kann.
  2. Zur umfassenderen verfassungsrechtlichen und historischen Besonderheit des schweizerischen Falls siehe den prägnanten historischen Überblick von Church und Head.
  3. Für den konzeptionellen Hintergrund von Nation und politischer Gemeinschaft bleibt Andersons Theorie der „imaginierten Gemeinschaften“ grundlegend.
  4. Die Bundesurkunde von 1291 wird gemeinhin als symbolischer Ausgangspunkt der Schweizerischen Eidgenossenschaft angesehen, auch wenn Historiker zu Recht auf die Komplexität der frühen Staatsbildung in der Schweiz hinweisen.
  5. Die strategische Bedeutung des Alpentransits, insbesondere der Gotthardroute, ist ein immer wiederkehrendes Thema in Darstellungen über die Anfänge des Schweizer Zusammenhalts. 
  6. Church und Head betonen den pragmatischen, auf Bündnissen basierenden und oft zufälligen Charakter der Schweizer Anfänge; Mythos und historischer Prozess müssen sorgfältig unterschieden werden. 
  7. Lijpharts Arbeiten zur Konsensdemokratie tragen dazu bei zu erklären, warum Machtteilung und Kompromissbereitschaft gespaltene Gesellschaften stabilisieren können. 
  8. Die Schweizer Neutralität wurde 1815 auf dem Wiener Kongress von den Großmächten anerkannt und entwickelte sich fortan zu einem prägenden Element der Schweizer Außenpolitik. 
  9. Zu religiösen und sprachlichen Anpassungen in der Schweiz siehe Linders Analyse des Konfliktmanagements in multikulturellen Kontexten. 
  10. Die direkte Demokratie in der Schweiz ist nicht nur eine institutionelle Kuriosität; sie ist von zentraler Bedeutung für die Schaffung von Legitimität und politischem Vertrauen. 
  11. Die napoleonische Intervention, die Helvetische Republik und die Ordnung nach 1815 sind allesamt entscheidende Übergangsphasen in der verfassungsrechtlichen Entwicklung der Schweiz. 
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. 
  13. Die Bedeutung der Schweiz für Europa liegt weniger in der Nachahmung als vielmehr in der Analogie: Verschiedene Völker können einen Staat teilen, wenn die Institutionen genügend Vertrauen genießen. 
  14. Zum Argument, dass die geopolitische Lage Europas eine größere strategische Handlungsfähigkeit und Autonomie erfordert, siehe die aktuellen politischen Debatten rund um die „strategische Autonomie“ sowie die längere intellektuelle Geschichte Europas als eigenständige politische Zivilisation. 
  15. In Italien werden die wichtigsten subnationalen Einheiten als regioni (Regionen) bezeichnet. Der hier vorgestellte konzeptionelle Vorschlag nutzt die bestehenden territorialen Einheiten Europas als Bausteine für eine künftige föderale Ordnung. 
  16. Milwards klassische Interpretation ist eine heilsame Korrektur: Die europäische Integration hat die Nationalstaaten historisch gesehen ebenso gestärkt, wie sie über sie hinausging. 

Referenzen

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Grundlegende Theorie der Nationenbildung und kollektiven Identität. Nützlich für die Frage, ob ein europäisches bürgerliches „Volk“ jenseits bestehender nationaler Narrative entstehen könnte.

Church, C. H., & Head, R. C.(2013).Eine kurze Geschichte der Schweiz. Cambridge University Press.

  • Eine der zuverlässigsten kurzen wissenschaftlichen Darstellungen der Geschichte der Schweiz. Besonders wertvoll für die mittelalterlichen Ursprünge des Landes, seine Entwicklung zum Schweizer Bund und seinen Wandel im Jahr 1848.

Europäischer Rat für Auswärtige Beziehungen. (2021). Strategische Autonomie: Europas Weg nach vorn.

  • Politisch orientierte Quelle für die moderne Debatte über Europas geopolitische Selbstbehauptung, Verteidigungsbereitschaft und verringerte externe Abhängigkeit.

Lijphart, A. (2012). Demokratiemuster: Regierungsformen und ihre Leistungsfähigkeit in 36 Ländern (2. Aufl.). Yale University Press.

  • Klassisches Lehrbuch der vergleichenden Politikwissenschaft. Die Schweiz dient als wichtiges Beispiel für Konsensdemokratie und institutionelle Anpassung in pluralistischen Gesellschaften.

Linder, W. (2010). Schweizer Demokratie: Mögliche Lösungen für Konflikte in multikulturellen Gesellschaften (3. Aufl.). Palgrave Macmillan.

  • Linder stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Schweizer Institutionen und der umfassenderen Herausforderung her, diverse Gemeinschaften innerhalb eines Gemeinwesens zu regieren.

Milward, A. S. (2000). Die europäische Rettung des Nationalstaats (2. Aufl.). Routledge.

  • Ein wichtiger Gegenpol. Milward argumentiert, dass die europäische Integration die Nationalstaaten nicht so sehr ersetzt, sondern vielmehr gestärkt und gerettet hat.

Steiner, G.(2004). Die Idee Europas. Nexus Institute.

  • Philosophische und kulturelle Reflexionen über Europas zivilisatorische Identität. Hilfreich für ein tieferes intellektuelles Verständnis.

Schweizer Bundeskanzlei. (2023). Die Schweizerische Eidgenossenschaft: Ein kurzer Leitfaden. Bundesverwaltung.

  • Eine maßgebliche institutionelle Übersicht der Schweizer Bundesbehörden, die als Grundlage für die Diskussion der aktuellen Strukturen im Essay dient.

What if All Europe Joined Switzerland?


A Political Thought Experiment for April 1st

Taking advantage of the ambiguity that this date offers for all manner of news items, jokes and provocations, I would like to set out here a bold but logically compelling utopia.

Hence this essay embraces a daring hypothesis, yet treats it with full seriousness: could Switzerland’s long experience of multilingual federalism, decentralised legitimacy, neutrality, and civic cohesion offer Europe a constitutional and geopolitical model for the future?1

A tricky question calls for an honest answer

On April 1st, one may be forgiven for entertaining the improbable. Yet some improbabilities reveal deeper truths than sober realism allows. What if Europe—fragmented, hesitant, and strategically dependent—were to rediscover itself not through empire, nor through technocratic bureaucratic integration, but through a model already tested at its very heart?2

The proposition sounds absurd on first hearing: not “the United States of Europe,” not a centralised republic, but rather a continental federation inspired by Switzerland. And yet the more one reflects on Europe’s dilemmas of legitimacy, strategic dependency, linguistic plurality, and regional diversity, the less frivolous the thought experiment appears.3

Why Switzerland Was Created: A Confederation Against Power

Switzerland did not begin as an idealistic sermon on tolerance. It began as a survival strategy. In 1291, the forest cantons of Uri, Schwyz, and Unterwalden entered into a defensive pact intended to preserve peace, mutual aid, and legal self-protection in a strategically exposed Alpine region.4 The motive was both political and economic: control over Alpine transit routes, above all the Gotthard corridor, made local autonomy a matter of existential importance.5

Why did this improbable arrangement succeed against formidable dynastic odds, particularly against Habsburg ambitions? Several factors converged. Geography made conquest difficult. Shared threat perception encouraged solidarity. Local elites had every reason to cooperate without surrendering their autonomy. And the confederation was pragmatic: it asked only for what was necessary—mutual support, basic peace, and common defence—not for total fusion.6

  • Defensible mountain terrain favoured the local defenders.
  • Shared external pressure generated durable internal cohesion.
  • Political cooperation remained limited and therefore acceptable.
  • Economic incentives reinforced the will to protect autonomy.

In modern analytical language, Switzerland emerged as a decentralised security compact among small political communities seeking to preserve self-rule under conditions of asymmetrical power.

Why Switzerland Persisted: Neutrality, Balance, and Internal Cohesion

Switzerland’s persistence is perhaps even more remarkable than its birth. Surrounded over the centuries by larger, richer, and often more militarily powerful neighbours, it nevertheless survived, adapted, and ultimately flourished. This endurance rested on three interlocking pillars: neutrality, internal balance, and deep local legitimacy.7

Neutrality, formally recognised in 1815, was not an expression of weakness but a sophisticated survival doctrine. Switzerland signalled that it would not serve as a springboard for great-power conflict, while simultaneously maintaining sufficient military credibility to deter easy coercion.8

At home, Switzerland did not abolish diversity. It institutionalised it. German-, French-, Italian-, and Romansh-speaking populations were not forced into a single homogenising mould. Religious conflict, too, was contained through institutional compromise rather than permanently settled through domination.9 The result was a political culture in which pluralism could be governed without being denied.

Finally, Switzerland developed an unusually strong basis of legitimacy through local self-government and direct democratic participation. Citizens were not merely ruled; they were repeatedly asked to decide. That difference matters.10

Transformation: From Loose Confederation to Federal State

Switzerland’s history is not one of static continuity. It repeatedly changed form. The old confederation of the late medieval and early modern period differed substantially from the federal state created in 1848. Between those moments lay alliance, expansion, confessional conflict, Napoleonic disruption, restoration, and constitutional reinvention.11

The key turning point was 1848. In the aftermath of the Sonderbund War, Switzerland moved from a relatively loose confederation toward a modern federal state with common institutions, while preserving substantial cantonal sovereignty. This balancing act is one of its greatest constitutional achievements: enough unity to act, enough decentralisation to remain legitimate.12

Europe has tried to solve a similar problem. It has sought unity without abolishing diversity, and coordination without extinguishing local identities. Yet Switzerland arguably solved this puzzle with greater elegance, because it tied political order to a much stronger principle of subsidiarity and popular consent.

Why Switzerland Could Be a Model for Europe

Switzerland matters to Europe not because it is large, but because it demonstrates that political unity does not require cultural homogeneity. French, German, Italian, and Romansh communities share a state without pretending to be identical. This is of obvious relevance to Europe, which has often oscillated between two bad options: either mere loose cooperation, or integration that feels too remote from ordinary citizens.13

Swiss ExperiencePossible European Relevance
Multilingual coexistence within one polityEurope need not wait for a single language or uniform culture before deepening political union
Strong cantonal autonomyRegional and local self-government could strengthen legitimacy across Europe
Direct democratic instrumentsCitizens could be drawn more directly into constitutional and strategic questions
Neutrality with defence readinessEurope could imagine strategic autonomy beyond dependency on external great powers

The EU already contains elements of confederal and federal logic, but it often lacks emotional legitimacy and constitutional clarity. Switzerland suggests that durable unity emerges less from administrative layering than from a convincing pact among peoples and places.

Is Europe Approaching a Situation Similar to Early Switzerland?

Here the thought experiment becomes politically sharp. Europe today finds itself squeezed between larger powers and competing geopolitical logics. It is economically formidable, culturally rich, and normatively influential, yet strategically hesitant and militarily dependent.14

This creates a structural parallel—not an identity, but a parallel—to the predicament from which Switzerland originally emerged. Then, small Alpine communities sought safety and autonomy in a harsh world of stronger neighbours. Today, many Europeans may increasingly feel that the continent, too, requires a more cohesive political form if it is not to remain merely the arena in which others pursue their rivalries.

Enough is enough. We do not want to be squeezed between the superpowers. We do not want to be pushed into other nation’s wars. We want to be peaceful, trusted, defence-ready, and politically sovereign.

That sentence is not yet Europe’s civic credo. But one can imagine conditions under which it might become one.

The Vision: Europe as a Federation of Cantons

Let us therefore take the April 1st hypothesis seriously for a moment. Imagine that Europe’s peoples conclude that the existing combination of national fragmentation and supranational technocracy is insufficient. They decide instead on a radically federal, bottom-up refoundation.

In this vision, today’s states devolve internally and recompose externally. German Bundesländer, Austrian Bundesländer, French départements, Italian regioni, Spanish autonomous communities, and comparable territorial units across the continent become the effective building blocks of a new European confederation.15 Europe would not abolish its regions; it would elevate them.

The resulting order would not resemble a centralised empire. It would resemble a continental Switzerland:

  • a common external and defence framework,
  • far stronger local autonomy,
  • constitutional multilingualism,
  • subsidiarity as an operative principle rather than a slogan,
  • and direct democratic instruments for major strategic questions.

Utopian? Certainly. But perhaps no more utopian than Switzerland once was.

Objections—and Why They Must Be Taken Seriously

The model is vulnerable to strong objections. Europe is vastly larger than Switzerland. Its histories of war, empire, and national memory weigh heavier. Its social and economic disparities are wider. External commitments, alliances, and institutional path dependencies are far more complex. These objections are real and cannot be waved aside.16

Yet the purpose of a serious political essay is not to confuse feasibility with significance. The point is not to predict that Europe will literally “join Switzerland” -  although this might be the most effective way. The point is to ask whether the Swiss constitutional logic—federalism, neutrality, local legitimacy, and unity through diversity—contains lessons that Europe has still not fully absorbed.

Finally: An April Fool’s Joke with Strategic Intent

Great political transformations often begin as intellectual impossibilities. They start as questions that sound foolish because they challenge the emotional habits of their age. Switzerland itself was once an improbable arrangement of alpine communities. The European Union, too, would once have been dismissed as fantasy.

What if all Europe joined Switzerland?” is therefore not merely a joke for April 1st. It is a disciplined provocation. It invites us to ask whether Europe’s future might depend less on becoming a superstate, and more on becoming a trusted federation of self-respecting peoples - peaceful, democratic, defence-ready, and strategically autonomous.

In that sense, the essay’s true argument is simple: Europe may not need to become a new Rome, nor a copy of America. It may need, instead, to become more Swiss.

Endnotes

  1. The introductory framing draws on standard accounts of Swiss federalism and consensus democracy, especially Linder’s interpretation of Switzerland as a polity capable of managing deep cultural diversity through institutional design. 
  2. On the broader constitutional and historical distinctiveness of the Swiss case, see Church and Head’s concise historical overview. 
  3. For the conceptual background on nationhood and political community, Anderson’s theory of “imagined communities” remains foundational. 
  4. The 1291 Federal Charter is commonly treated as the symbolic starting point of the Swiss Confederation, though historians rightly stress the complexity of early Swiss state formation. 
  5. The strategic significance of Alpine transit, especially the Gotthard route, is a recurring theme in accounts of early Swiss cohesion. 
  6. Church and Head emphasise the pragmatic, alliance-based, and often contingent nature of Swiss beginnings; myth and historical process must be carefully distinguished. 
  7. Lijphart’s work on consensus democracy helps explain why power-sharing and accommodation can stabilise divided societies. 
  8. Swiss neutrality was recognised by the major powers at the Congress of Vienna in 1815 and became a defining element of Swiss external posture thereafter. 
  9. On religious and linguistic accommodation in Switzerland, see Linder’s analysis of conflict management in multicultural settings. 
  10. Direct democracy in Switzerland is not merely an institutional curiosity; it is central to the production of legitimacy and political trust. 
  11. Napoleonic intervention, the Helvetic Republic, and the post-1815 settlement are all crucial transitional stages in Swiss constitutional development. 
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. 
  13. Switzerland’s relevance to Europe lies less in imitation than in analogy: multiple peoples can share a state if institutions command sufficient trust. 
  14. For the argument that Europe’s geopolitical position requires greater strategic capacity and autonomy, see current policy debates around “strategic autonomy,” as well as the longer intellectual history of Europe as a distinct political civilisation. 
  15. In Italy, the principal subnational units are called regioni (regions). The speculative proposal here uses Europe’s existing territorial units as the building blocks of a future confederal order. 
  16. Milward’s classic interpretation is a salutary corrective: European integration historically strengthened nation-states as much as it transcended them. 

References

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Foundational theory of nation-building and collective identity. Useful for asking whether a European civic “people” could emerge beyond existing national narratives.

Church, C. H., & Head, R. C. (2013). A concise history of Switzerland. Cambridge University Press.

  • One of the most reliable short academic histories of Switzerland. Particularly valuable for the country’s medieval origins, confederal development, and transformation in 1848.

European Council on Foreign Relations. (2021). Strategic autonomy: Europe’s path forward.

  • Policy-oriented source for the modern debate on Europe’s geopolitical self-assertion, defence readiness, and reduced external dependency.

Lijphart, A. (2012). Patterns of democracy: Government forms and performance in thirty-six countries (2nd ed.). Yale University Press.

  • Classic comparative political science text. Switzerland serves as a major case for consensus democracy and institutional accommodation in plural societies.

Linder, W. (2010). Swiss democracy: Possible solutions to conflict in multicultural societies (3rd ed.). Palgrave Macmillan.

  • It directly connects Swiss institutions to the broader challenge of governing diverse communities within one polity.

Milward, A. S. (2000). The European rescue of the nation-state (2nd ed.). Routledge.

  • Essential counterpoint. Milward argues that European integration did not replace nation-states so much as reinforce and rescue them.

Steiner, G. (2004). The idea of Europe. Nexus Institute.

  • Philosophical and cultural reflection on Europe’s civilisational identity. Helpful for  a deeper intellectual understanding.

Swiss Federal Chancellery. (2023). The Swiss Confederation: A brief guide. Federal Administration.

  • Authoritative institutional overview from the Swiss federal authorities, useful for grounding the discussion of present-day structures.

2026-03-18

Über den Iran – Eine Betrachtung mit persönlichen Elementen

Der Iden des März gilt als der Tag, an dem Julius Caesar im Jahr 44 v. Chr. ermordet wurde. Caesar wurde während einer Senatssitzung erstochen. Laut Plutarch [1]hatte ein Seher vorhergesagt, dass Caesar am Iden des März Unheil widerfahren würde.

Noch bevor das verhängnisvolle Datum in diesem Jahr erreicht war, haben uns nicht weniger schicksalhafte Ereignisse heimgesucht. Ohne einen Seher zu bemühen zu müssen, waren die Zeichen an der Wand schon lange eine deutliche Warnung für alle, die nicht völlig blind waren. Diese katastrophalen Ereignisse, deren Epizentrum der Iran ist, haben sich seit langem angebahnt.

In seinen Memoiren schildert der pensionierte US-General Wesley Clark ein Gespräch [2],das seinen Angaben zufolge Ende 2001 im Pentagon stattfand. Ein höherer Offizier zeigte ihm ein Memo, in dem eine Strategie für “Regime Change Operationen” in sieben Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren skizziert wurde – beginnend mit dem Irak und fortgesetzt mit Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und schließlich dem Iran. Clark selbst kritisierte später den Irakkrieg und die gesamte interventionistische Strategie.

1 Die Iran-Falken

Die Liste der Iran-Hardliner ist jedoch länger und zieht sich wie Stacheldraht durch die US-Politik der letzten Jahrzehnte: 1990 → 2001 → 2003 → 2018 → heute.

Die offizielle US-Politik schwankte immer wieder zwischen Sanktionen, Zwangsmaßnahmen und Verhandlungen. Doch eine hartnäckige, kriegerische Gruppierung versuchte immer wieder, den Iran nicht als Verhandlungspartner, sondern als ein Regime darzustellen, das es zu zerschlagen, zu ersetzen oder nachhaltig zu schwächen gelte.

Einige der einflussreichsten Iran-Falken und ihre Rolle:

  • Lindsey Graham: Graham repräsentiert seit Langem den Hardliner-Flügel im US- Senat. In jüngsten offiziellen und öffentlichen Äußerungen plädierte er für eine Konfrontation mit dem iranischen Regime, betonte die Notwendigkeit, notfalls mit Gewalt einzugreifen. Er setzte seine eskalierende Rhetorik über die Zukunft Irans in den Jahren 2025–2026 fort. Damit ist er weniger ein technokratischer Verfechter von Sanktionen als vielmehr ein politischer Akteur, der auf erzwungene Eskalation setzt [3].
  • John Bolton: Bolton ist wohl das deutlichste zeitgenössische Beispiel eines erklärten Iran-Hardliners. Er hat wiederholt argumentiert, dass der Sturz des iranischen Regimes der effektivste Weg sei, die von ihm ausgehende Bedrohung zu beseitigen, und wird seit langem eher mit der Befürwortung eines Regimewechsels als mit Rüstungskontroll- oder Entspannungsansätzen in Verbindung gebracht [4].
  • Mike Pompeo: Pompeos Rolle war eine andere. Als Außenminister machte er maximalen Druck zur operativen Doktrin und nutzte Sanktionen und diplomatische Isolation als Instrumente extremen Zwangs. Ob dies einem erklärten Regimewechsel gleichkam, ist umstritten, doch seine Politik stärkte das Lager der Hardliner erheblich, indem sie umfassenden Druck auf den Iran zur normalen Washingtoner Grundhaltung machte [5].
  • Tom Cotton: Cotton gehört dem Flügel im Kongress an, der konsequent eine deutlich härtere Linie gegenüber dem Iran vertritt und weithin mit Sanktionen, Abschreckung und der Bereitschaft zu militärischen Optionen in Verbindung gebracht wird. Innerhalb des Netzwerks der Iran-Hardliner besteht seine Rolle darin, die im Kongress geforderte Linie politisch präsent zu halten und deren Abschwächung zu erschweren [6].
  • Benjamin Netanjahu, der nicht zu den klassischen Iran-Hardlinern zählt,ist – wie Analysten vielfach diskutieren – wohl der wichtigste Einflussfaktor der US-Außenpolitik. Er argumentiert seit Langem, dass Irans Atomprogramm eine existenzielle Bedrohung für Israel darstelle und fordert ein entschiedenes Vorgehen, um es zu stoppen. (Israels eigenes, zwar geheimes, aber dennoch wohlbekanntes Atomwaffenprogramm wurde hingegen als völlig gerechtfertigt angesehen.) Damit übte er einen beinahe magischen Einfluss auf die US-Entscheidungsträger aus. Israelische Lobbyarbeit spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Vereinigten Staaten in Richtung Konfrontation zu drängen.

Die Falken hatten Erfolg, das grausame Spiel ist eröffnet. So wird der siebte Lauf des großen amerikanischen Fleischwolfs die Zerstörung des Nahen Ostens, wie wir ihn kannten, endgültig besiegeln – allerdings nur als Zwischenstopp auf dem Weg zu noch viel größeren und ambitioniertere Zielen.

2 Persien – Eine persönliche Beziehung

Man schrieb das Jahr 1970. Im hoffnungsvollen Alter von 18 Jahren, voller jugendlichem Optimismus, mit kaum zu zügelndem Wissensdrang und viel naiver Energie, war ich gerade aus der behüteten Welt des Gymnasiums entlassen worden.

Ich beschloss eine große Reise in den "Orient" zu unternehmen, über den ich so viel gelesen hatte. Da ich wider alle Erwartungen die Abiturprüfung mit einem recht passablen Ergebnis abgeschlossen hatte, bekam ich von meinen Eltern als Anerkennung einen 10 Jahre alten VW-Bus geschenkt.

Den baute ich mir zum Expeditionsfahrzeug um, versah seine Stirn mit den mit Hilfe von Klebebuchstaben mit dem Schriftzug "Hamburg - Kathmandu", gewann meine Freunde Bernd und Kurt für das große Abenteuer und fragte meine Freundin Regina, ob sie Lust auf eine kleine Reise nach Nepal hätte. Regina musste erst den Atlas konsultieren, hat dann, von Ängsten gepeinigt, die ganze Nacht lang geweint und am nächsten Morgen schließlich "Ja" gesagt.

Ich erinnere mich noch gut an den Augenblick als wir nach langen Tag- und Nacht-Fahrten die Grenze zum Iran passierten - wir betraten eine neue, eine andere Welt.

Das war spürbar.

Auf der langen Reise durch das, seit dem Völkermord an den Armeniern um 1919 verwüstete, Ost-Anatolien hatten die großen, blauen Straßenschilder mit der Aufschrift "Iran Hududu" am Rand der großen anatolischen Fernstraße im 10-km-Rythmus in uns die Hoffnung genährt, dass der unerwartete Unterricht im Slalom-Fahren um die vielfältigen Schlaglöcher möglicherweise bald sein Ende finden würde.

Und in der Tat, es war eine Offenbarung. Zwar waren die Iraner, anders als die eher bodenständigen Bewohner auf der türkischen Seite der Grenze, schon immer gut darin gewesen eine große Show zu veranstalten. Dennoch spürten wir intuitiv, dass da mehr war: der Hauch einer großen, Jahrtausende alten Kultur, deren staatliche Kraft mehrfach gebrochen und geschunden wurde, deren prägende Kultur aber alle Demütigungen von Ost und West überlebt hatte.

Dieses große Land empfing uns mit seinen weiten Tälern der Hochebene an deren Grunde, schon über weite Entfernungen hin sichtbare, opulent hell erleuchtete Städte lagen. Links und rechts der hier noch perfekten Highways lagen Dörfer aus verstreuten Lehmbauten, unter Pappeln als Charakterbaum geduckt, zwischen denen Nebelschwaden poetische Bilder zeichneten.

Unsere euphorische Grundstimmung fanden wir bald erwidert von der erwartungsvollen Offenheit und der unglaublichen Gastfreundschaft der Bevölkerung. Poesie lag nicht nur über dem Landschaftsbild. Wir haben gesehen, wie sich am Nachmittag Familien um das Radio versammelten, um den dort vorgetragenen Gedichten zu lauschen, an denen die persische Kultur so reich ist.

Diesen Schatz wollte ich mir erschließen. So habe ich Monate später, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, das Studium der Iranistik als zweiten Hauptstudiengang neben der Chemie aufgenommen. Ich hatte das große Glück im kleinen Kreis von dem renommierten Shanameh-Experten Professor Djalal Khaleghi-Motlagh [7], einer lebenden Legende, unterrichtet zu werden. Wenig überraschend war das Ergebnis meiner Arbeiten schließlich das erste Deutsch-Persische Wörterbuch des alten Neu-Persisch basierend auf dem Glossar von Fritz-Wolff. Das Ergebnis ist online und hier (Horst Walthers Deutsch-Persisches Wörterbuch) [8] einzusehen.

Danach hat mich dieses faszinierende Land nicht mehr losgelassen. Auch weniger erfolgreiche Unternehmungen wie “Die große Rödelei[9] (The Great Boondoggle) haben ihre literarischen Spuren hinterlassen.

Mein letzter Besuch im Iran war 1979, in dem Jahr, als Schah Reza Pahlavi gestürzt wurde und Ayatollah Khomeini seine blutige Revolution begann.

Für freie Verpflegung und ein kleines Handgeld hatte ich in dreieinhalb Tagen einen nagelneuen BMW in abenteuerlicher Fahrt noch knapp vor dem festgelegten Termin, dem Nowruz-Fest, nach Tehran gefahren und war nun mit Bahn und Bus auf den Spuren der Zoroastrier im Land unterwegs.

Eine typische vorrevolutionäre Stimmung war überall im Land und durch sehr unterschiedliche Gesellschaftsschichten spürbar. Ich fühlte mich wiederholt an eine Situation von vor etwa 200 Jahren in Frankreich erinnert. Jede Person, mit der ich sprach – oder besser gesagt, die mit mir sprach, war aus einem anderen Grund und mit anderen Erwartungen für einen großem Umbruch.

Da war ein Muslim-Bruder aus Täbris, der bei Unruhen einen Verwandten verloren hatte, ein desertierter Rekrut, der wieder zu seinen Eltern nach Hause wollte und ein Kaufmann, dem die verbreitete Korruption das Leben schwer machte – die Liste ließe sich fortsetzen.

Erst später erfuhr ich, dass dies kein Zufall war, sondern ein wiederkehrendes Muster von Revolutionen.

Als junger Mann war ich fasziniert von der ungewöhnlichen Kombination aus fast unwirklicher Schönheit, Intelligenz, Selbstbewusstsein und Wissen der iranischen Frauen und Mädchen – und ein wenig frech waren sie auch.

Mit dem Ende der Nowruz-Feiertage am Sisda (dem 13.) musste ich zurück nach Teheran – alle anderen Feiertagsausflügler aber auch. Keine Chance, ein Ticket zu bekommen. Zum Glück war Trampen damals üblich – aber anders als bei uns. Normalerweise zahlte man, wenn man mitgenommen wurde, den üblichen Preis für ein Busfahrt. Dafür musste man aber auch nicht lange warten. So kam es, dass mich zwei Jetpiloten der iranischen Armee am Straßenrand in Shiraz auflasen. Es war eine ruhige und sachliche Angelegenheit mit diesen beiden pragmatischen Typen. Doch als unsere lockeren Gespräche auf die persische Poesie kamen, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Es war, als hätte ich ihre sensible Seele berührt, die sich hinter ihrer professionellen Fassade verbarg. War von Fahrpreis die Rede gewesen? Nein, daran konnte sich niemand erinnern. Und da ihre Reise in Isfahan endete, vollbrachten sie noch das Wunder, mir ein Busticket nach Teheran zu besorgen. Natürlich luden sie mich unterwegs auch zum Essen ein.

3 Der Revolutionen unerbittliches Muster

Ähnliche Eindrücke, wie ich sie hatte, spiegeln die zentralen Erkenntnisse dreier Denker – zwei aus der Zeit der Französischen Revolution und ein zeitgenössischer –sie wider …

  • Revolutionen entstehen aus vielen zusammenwirkenden Ursachen und Missständen” (Edmund Burke 1790) [10],

  • Politische Allianzen entstehen oft eher durch gemeinsame Opposition als durch gemeinsame Ziele.” (Alexis de Tocqueville, 1856) [11]oder

  • Die Revolution war eine Koalition von Gruppen, die unterschiedliche Zukunftsvorstellungen hatten” (François Furet, 1978) [12]

Die Beweggründe waren völlig unterschiedlich, daher war kein harmonisches Ergebnis zu erwarten.

Eine bemerkenswert ähnliche, bekannte Formulierung stammt von Ervand Abrahamian, einem bedeutenden Historiker der iranischen Revolution: “Die Revolution brachte Gruppen mit sehr unterschiedlichen Ideologien und Erwartungen zusammen.[13]

Und genau das geschah. Und genau deshalb konnte es, wie bei den meisten Revolutionen, auch nicht gut enden.

Das allgemeine historische Muster sieht wie folgt aus:

  1. Viele Gruppen vereinen sich gegen ein Regime.

  2. Das Regime stürzt.

  3. Die Koalition zerfällt, weil jede Fraktion eine andere Revolution erwartet hat.

Historiker bezeichnen dieses Phänomen mitunter als “Dynamik revolutionärer Koalitionen”. Dieses Muster zeigte sich nicht nur in Frankreich und im Iran, sondern auch in der Russischen Revolution (1917) und der Ägyptischen Revolution von 2011. Über die gemeinsamen Muster von Revolutionen ließe sich noch viel mehr sagen. Es gibt dazu aufschlussreiche Forschungsergebnisse. Daher verdient dieses Thema einen eigenen Beitrag – aber später.

Und es sieht so aus, als könnte sich die Geschichte wiederholen. Erneut sind große Teile der iranischen Gesellschaft – aus gutem Grund, aber wieder mit sehr unterschiedlichen Erwartungen – äußerst unzufrieden mit ihrer repressiven Regierung. Die Erinnerung an die Operation Ajax ist fast zwangsläufig. Damals handelte es sich um eine von der CIA und Großbritannien geführte Operation, die am 19. August 1953 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh stürzte.

Ausgelöst durch Mossadeghs Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie, stellte der Staatsstreich die Macht des Schah Mohammad Reza Pahlavi wieder her und festigte die westliche Kontrolle über das iranische Öl. Der tiefe Unmut über die missachtete Iranische Souveränität, trug schließlich wesentlich zur Islamischen Revolution von 1979 bei.

4 Wird sich die Geschichte wiederholen?

Tatsächlich wird der Sohn des damaligen Schahs Reza Pahlavi von interessierten Kreisen als neuer Führer eines wiedereroberten Irans gehandelt. Diesmal würde er von CIA und Mossad eingesetzt, allerdings vermutlich erst nach der vollständigen Zerstörung dessen, was wir als Iran kennen. Nach 73 Jahren würde damit ein Superzyklus zu Ende gehen – und das Leid des iranischen Volkes unter neuer Führung weitergehen.

Und das wäre noch nicht einmal das schlimmste Szenario. Wie die Beispiele Somalia, Libyen, Irak und Syrien zeigen, könnte die Lage weitaus düsterer sein.

Libyen, das unter Muammar al-Gaddafi einen hohen Lebensstandard genoss, wo sich Frauen frei und gleichberechtigt bewegen konnten und wo das gesellschaftliche Leben (solange man nicht in Opposition zur Regierung stand) sicher und wirtschaftlich abgesichert war, ist heute ganz klar ein gescheiterter Staat, der von Warlords regiert wird und in dem Migranten, die die gefahrvolle Reise durch die Sahara überlebt haben, wegen ihrer Organe geschlachtet werden.

Irak und Syrien, die ihren Bürgern – ähnlich wie Libyen – einen hohen Lebensstandard mit Gleichberechtigung von Frauen und Männern garantieren konnten, sind in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters zurückgefallen, geprägt von religiösem Sektierertum und einem niedrigen zivilisatorischen Niveau. Der Irak entging nur knapp einer Übernahme durch den sogenannten “Islamischen Staat”. Die hinterlassenen Narben werden wohl nie verheilen. Syrien, das nun von der Türkei kontrolliert wird, wurde de facto vom Islamischen Staat eingenommen. Damit scheint das Schicksal von 40 % der Bevölkerung: Alawiten, Kurden, Drusen und Christen besiegelt.

Nein, ich wage keine Prognose. Doch es dürfte klar sein, dass sich die Situation im Iran heute in vielerlei Hinsicht von der im Jahr 1953 unterscheidet. Die iranische Gesellschaft ist politisch tief gespalten, und das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und untereinander hat erheblich nachgelassen.

Und es herrscht Krieg.

Es ist eine uralte, traurige Wahrheit: In Kriegszeiten steht das Volk geeint “wie ein Mann” hinter seiner Führung. Innenpolitische Differenzen werden bis nach dem Krieg aufgeschoben. Damit lässt sich gut, von Skandalen und schlechter Führungsleistung ablenken. Das gilt in diesem Fall für alle drei Hauptkriegsparteien: Israel, die USA und Iran.

5 Ein neuer Verrat bahnt sich an

Da der von den USA so dringend ersehnte “Regimewechsel” auf diesem Wege offensichtlich nicht zu erreichen ist, ruft Donald Trump nun die Kurden des Iran und des Irak auf, die US-Bemühungen im Iran zu unterstützen und bietet ihnen Hilfe an.

Abgesehen davon, dass es wie ein Akt der Verzweiflung klingt, wäre es kollektiver Selbstmord. Die Kurden in ihrer Region Rojava in Syrien haben gerade erst am eigenen Leib erfahren, wie solche Aktionen enden. Nachdem die Kurden ihre “Pflicht erfüllt” hatten, wurden sie der Türkei ausgeliefert, dem berüchtigten Schlächter der Kurden, Armenier und Griechen im eigenen Land.

Genau dieses Szenario dürfte sich nun wiederholen. Recep Tayyip Erdoğan hat vermutlich bereits von Donald Trump freie Hand erhalten, die Kurden im Iran zu unterwerfen und gleichzeitig einen Großteil des Landes seinem Reich einzuverleiben. Sein treuer Verbündeter in Aserbaidschan wartet schon länger darauf, die gleichnamige iranische Provinz zu integrieren. Das so entstehende Großreich der Turkvölker könnte dann endlich die Vision Mehmets II  von vor fast 600 Jahren verwirklichen: die islamische Eroberung Roms.

6 Zynismus und Heuchelei auf ihrem Höhepunkt

Ich habe die Illusionen, die die Islamische Revolution von 1979 befeuerten, selbst beobachten können. Und ich muss mich jetzt daran erinnern, wenn ich die Ausbrüche von Jubel und die Euphorie in Aufnahmen von Exil-Iranern im sicheren Ausland oder sogar im Iran sehe, wenngleich viele Zweifel an ihrer Echtheit bestehen.

Wieder einmal werden die Erwartungen bitter enttäuscht werden. Es ist keine “Hilfe unterwegs”, wie der “Friedenspräsident” [14]so großspurig versprochen hatte. Das war nichts als purer, menschenverachtender Zynismus.

Stattdessen fegen die vier apokalyptischen Reiter durch das Land – und vielleicht auch darüber hinaus – und bringen Verwüstung, Krieg, Hunger und Tod.

Niemand befreit ein Volk, indem er sein Land zerstört. Dem Welt-Hegemon geht es noch nicht einmal vorranging um den Iran, geschweige denn um dessen geschundenes Volk. Sein Ziel ist es, die aufstrebende Weltmacht China zu nieder zu ringen – und von innenpolitischen Streitigkeiten (wie den Epstein-Papieren) abzulenken.

Genau wie damals, als der Ruf ertönte: “Der Schah ist gestürzt”, so steht uns jetzt, nach “Khamenei ist tot”, das Schlimmste noch bevor.

Das nächste Kapitel der iranischen Geschichte wird jedoch nicht allein von ausländischen Mächten, dem Klerus oder der Protestbewegung geschrieben werden. Es wird aus dem Zusammenwirken all dieser Kräfte – interner und externer, historischer und unmittelbarer Art– hervorgehen”, kommentierte Mahjoob Zweiri, Akademiker und leitender politischer Analyst mit Spezialisierung auf Iran und Nahostpolitik.[15]

Mein verehrter Mentor, Professor Khaleghi-Motlagh, nutzte oft die Metapher des Qanats, jener historischen unterirdischen Wasserleitungen, um die persische Kultur zu beschreiben: ein verborgener, unterirdischer Strom uralter Weisheit, der in einer kargen Landschaft das Leben erhält und gelegentlich in Form eines Meisterwerks wie dem Shahnameh an die Oberfläche tritt. Vielleicht wird – wider alle Wahrscheinlichkeit - nach Jahrhunderten der Demütigung eine neue Zukunft für die iranischen Völker aus diesem verborgenen Untergrund emporsteigen.


[1] Plutarch, Parallelbiografien, Caesar 63

[2] Clark, WK (2003). Die Kunst, moderne Kriege zu gewinnen: Irak, Terrorismus und das amerikanische Imperium. New York: PublicAffairs.

  • In seinen Memoiren schildert der pensionierte US-General Wesley Clark ein Gespräch, das seinen Angaben zufolge Ende 2001, kurz nach den Anschlägen vom 11. September, im Pentagon stattfand. Laut Clark zeigte ihm ein höherer Offizier ein Memo, in dem eine Strategie für “Regimewechseloperationen” in sieben Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren skizziert wurde – beginnend mit dem Irak und fortgesetzt mit Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und schließlich dem Iran. Clark präsentiert diese Anekdote als Beleg für das strategische Denken, das in Teilen des US-Verteidigungsapparats in der Anfangsphase des “Kriegs gegen den Terror” vorherrschte, obwohl er selbst später den Irakkrieg und die gesamte interventionistische Strategie kritisierte.

[3] Graham, L. (2025). Rede im Senat zur Iran-Politik. US-Senat.

  • Senator Graham hat wiederholt argumentiert, dass dauerhafte Stabilität im Nahen Osten eine Konfrontation mit dem iranischen Regime und die Verhinderung seiner regionalen Vorherrschaft erfordere. In Reden vor dem Kongress und in Medienauftritten sprach er sich für harte Sanktionen, mögliche Militäraktionen und die Unterstützung Israels im Kampf gegen den Iran aus. Kommentatoren bezeichnen Graham häufig als einen der prominentesten Iran-Hardliner im Kongress.

[4] Bolton, JR (2015). Um Irans Bombe zu stoppen, muss man Iran bombardieren. The New York Times.

  • In diesem viel diskutierten Meinungsbeitrag argumentierte Bolton, Diplomatie und Sanktionen reichten nicht aus, um Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern, und schlug vor, Militärschläge gegen iranische Atomanlagen ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Bolton befürwortet seit Langem eine Strategie, die auf die Schwächung oder den Sturz des iranischen Regimes abzielt, und Analysten führen ihn oft als das deutlichste Beispiel eines Washingtoner Politikers an, der sich für einen Regimewechsel im Iran einsetzt.

[5] Pompeo, M. (2018). Nach dem Abkommen: Eine neue Iran-Strategie. US-Außenministerium.

  • Als US-Außenminister formulierte Pompeo die Politik des “maximalen Drucks” der Trump-Regierung gegenüber dem Iran, die umfassende Wirtschaftssanktionen und diplomatische Isolation beinhaltete. Obwohl er erklärte, das offizielle Ziel sei eine Verhaltensänderung des Irans und nicht der Sturz der Regierung, argumentieren viele Analysten, dass die Strategie außerordentlichen Druck auf das Regime ausübte und die politische Position der Hardliner, die einen Regimewechsel befürworten, stärkte.

[6] Cotton, T. (2015). Brief an die Führung der Islamischen Republik Iran. US-Senat.

  • Cotton erlangte in der Iran-Debatte Bekanntheit durch einen umstrittenen offenen Brief, in dem er warnte, dass jedes Atomabkommen mit den Vereinigten Staaten von einer zukünftigen Regierung rückgängig gemacht werden könnte. Seine öffentlichen Positionen betonen strikte Sanktionen, militärische Abschreckung und Skepsis gegenüber diplomatischen Gesprächen mit Teheran.

[7] Universität Hamburg, Asien-Afrika-Institut. (2025, 4. Dezember).Porträt eines Gelehrten: Djalal Khaleghi-Motlagh. Universität Hamburg.

  • Porträt eines Gelehrten: Djalal Khaleghi-Motlagh

  • Diese Ankündigung des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg präsentiert eine Gedenkveranstaltung zu Ehren des iranischen Gelehrten Djalal Khaleghi-Motlagh, der für seine kritische wissenschaftliche Edition des persischen Epos Šāhnāmabekannt ist. Im Rahmen der Veranstaltung wird ein Dokumentarfilm über sein Leben und seine Forschung uraufgeführt. Die Seite hebt Khaleghi-Motlaghs Beitrag zur persischen Literaturwissenschaft hervor und verdeutlicht das anhaltende akademische Interesse an Iranistik an deutschen Universitäten.

[8] Walther, Horst,(2003), persönliche Website, Horst Walthers Shahnameh Dictionary

  • Horst Walthers Shahnameh(شاهنامِه)-Wörterbuch

  • Auf ausdrückliche Ermunterung von Prof. Khaleghi-Motlagh erstellte ich 1975 dieses invertierte Glossar von Fritz Wolff. Fritz Wolff (1880–1943) war ein deutscher Shahnameh-Experte jüdischer Herkunft. Sein Werk, invertiert in deutsch-persischer Sortierung, sollte als Grundlage für ein deutsch-persisches Wörterbuch dienen. Hier wird es nun mit rund 25 Jahren Verspätung veröffentlicht. Es handelt sich um eine Rohfassung mit 21.937 Einträgen.

[9] Walther, Horst,(2003), persönliche Website, Die große Rödelei – Tagebuch einer missratenen Iran – Fahrt

  • Die Große Rödelei

  • Wie kam es eigentlich zu diesem Werk? Nun, immer wenn ich von einer längeren Reise zurückkam, wurde ich mit derselben unvermeidlichen Frage konfrontiert: “Na, wie war’s?” und dann: “Es muss a toll gewesen sein, erzähl uns davon!” In gewisser Weise war es das wahrscheinlich auch, und so erzählte ich und erzählte, zeigte Fotos und Souvenirs und erzählte noch mehr. Doch dann, mittendrin, gerade als ich die prägendsten Erlebnisse beschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich über deren heutige Wirkung gesprochen hatte, nicht darüber, was mich eigentlich dort vor Ort tatgsächlich bewegt hatte. Was konnte man dagegen tun? Man müsste – man müsste unterwegs, ja, man musste einfach dort, direkt vor Ort, und alles, was einem auf dem Herzen lag, direkt in die Schreibmaschine tippen. Und genau das haben wir getan.

[10] Edmund Burke. (1790). Betrachtungen über die Revolution in Frankreich. London: J. Dodsley.

  • In seiner einflussreichen Kritik an der frühen Französischen Revolution argumentiert Burke, dass Revolutionen selten von einer einheitlichen Ideologie oder einem einzigen sozialen Interesse getrieben werden. Vielmehr entstehen sie aus dem Zusammenwirken vielfältiger Missstände und Bestrebungen verschiedener Gruppen. Seine Analyse verdeutlicht, wie sich reformorientierte Adlige, bürgerliche Politiker, Bauern, die sich feudalen Verpflichtungen widersetzten, und von wirtschaftlicher Not getriebene städtische Massen vorübergehend zur Unterstützung des revolutionären Umbruchs verbünden konnten. Burke nutzt diese Beobachtung, um zu warnen, dass solche Koalitionen von Natur aus instabil sind, da ihre Teilnehmer grundlegend unterschiedliche Ergebnisse von der Revolution erwarten.

[11] Tocqueville, A. de. (1896/1851). Erinnerungen (Souvenirs). London: Macmillan.

  • In seinen Memoiren über das revolutionäre und nachrevolutionäre politische Klima Frankreichs stellt Tocqueville fest, dass politische Bündnisse oft nicht aus gemeinsamen positiven Zielen, sondern aus der gemeinsamen Gegnerschaft zu einem gemeinsamen Feind entstehen. Diese Erkenntnis trägt dazu bei, zu erklären, wie sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen – Adelige, bürgerliche Reformer, Bauern und städtische Radikale – trotz grundverschiedener Erwartungen an den Ausgang der Französischen Revolution vorübergehend hinter ihr vereinen konnten.

[12] François Furet. (1978). Penser la Révolution française [Interpretation der Französischen Revolution]. Paris: Gallimard. (Englische Übersetzung: Cambridge University Press, 1981).

  • In dieser wegweisenden Neuinterpretation der Französischen Revolution argumentiert Furet, dass die revolutionäre Bewegung anfänglich Akteure mit divergierenden politischen Erwartungen und sozialen Interessen vereinte. Anstatt eines einheitlichen revolutionären Projekts fungierte die Revolution als breite politische Koalition, deren Teilnehmer – bürgerliche Reformer, radikale Demokraten, Bauern und städtische Aktivisten – jeweils ihre eigene Zukunftsvision in den revolutionären Prozess einbrachten. Laut Furet erklären diese unvereinbaren Erwartungen die rasche Fragmentierung der revolutionären Politik und die Eskalation der Konflikte in den 1790er Jahren.

[13] Ervand Abrahamian. (1982). Iran zwischen zwei Revolutionen. Princeton University Press.

  • Abrahamian zeigt, dass die iranische Revolution anfänglich eine breite Anti-Schah-Koalition war, bestehend aus religiösen Netzwerken, säkularen Intellektuellen, marxistischen Organisationen, Studenten und Basarhändlern. Jede dieser Gruppen interpretierte die revolutionäre Bewegung anders und erwartete Ergebnisse, die von islamischer Herrschaft über sozialistische Transformation bis hin zu liberaler Demokratie reichten. Diese Vielfalt an Erwartungen erklärt die unmittelbaren, politischen Auseinandersetzungen, die dem Sturz des Schahs folgten.

[14] The New York Times. (28. Februar 2026). Trump, der selbsternannte “Friedenspräsident”, zieht in den Krieg, um einen Regimewechsel herbeizuführen. The New York Times.

  • https://www.nytimes.com/2026/02/28/us/politics/trump-peace-president-war.html

  • Diese Analyse untersucht den scheinbaren Widerspruch zwischen Donald Trumps langjährigem politischen Image als “Friedenspräsident” – eines Präsidenten, der die Beendigung internationaler Konflikte versprach – und seiner Entscheidung, im Februar 2026 größere Militäroperationen gegen den Iran einzuleiten. Der Artikel verortet diesen Konflikt im Kontext von Trumps umfassenderer außenpolitischer Strategie, einschließlich seiner früheren Behauptungen, er habe mehrere internationale Streitigkeiten beigelegt und verdiene Anerkennung als Friedensstifter. Er beleuchtet die politischen, strategischen und rhetorischen Spannungen zwischen den Antikriegsversprechen im Wahlkampf und der Realität des US-Militäreinsatzes im Nahen Osten. Der Beitrag dient als wichtige journalistische Quelle zur Dokumentation der aktuellen Debatten über die US-Außenpolitik und die Kriegsbefugnisse des Präsidenten im Jahr 2026, insbesondere im Kontext der eskalierenden Spannungen mit dem Iran.

15] Zweiri, M.(14. März 2026). Der iranische Moment: Ein Sprung ins Ungewisse. Al Jazeera.

  • https://www.aljazeera.com/opinions/2026/3/14/the-iranian-moment-a-leap-into-the-unknown

  • In diesem Meinungsbeitrag analysiert der Politikwissenschaftler Mahjoob Zweiri die historische und geopolitische Bedeutung der aktuellen Krise im Iran. Er argumentiert, dass sich das Land möglicherweise einem dritten tiefgreifenden politischen Umbruch seiner modernen Geschichte nähert. Er stellt frühere Phasen der iranischen Staatsentwicklung – wie die Pahlavi-Monarchie und die Islamische Republik – den Unsicherheiten gegenüber, die durch den aktuellen regionalen Konflikt und den internen Druck entstehen. Der Artikel verortet diese Entwicklungen in breiteren Debatten über staatliche Identität, regionale Machtdynamiken und Irans sich wandelndes Verhältnis zur internationalen Ordnung. Als Expertenkommentar in der Meinungsrubrik von Al Jazeera bietet der Beitrag eine interpretative Analyse anstelle einer neutralen Berichterstattung, liefert aber wertvolle Einblicke in die Perspektiven des Nahen Ostens auf die sich zuspitzende Krise.