Eine nicht ganz ernsthafte Kriminalgeschichte · Teil 1
Trixie Trulla killt Dicke Dörte
Hinweis: Diese Erzählung ist Fiktion. Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären nicht nur zufällig, sondern vermutlich das Werk einer besonders geschwätzigen Nachbarschaft.
In einem bürgerlichen Viertel einer deutschen Großstadt wurde ein Haus verkauft. In der Nachbarschaft wurde gemunkelt, der Kaufpreis sei exorbitant hoch gewesen, die Versprechen durchsichtig und unhaltbar, und am Ende sei zusätzlich noch ein hoher Renovierungsbedarf festgestellt worden.
Irgendwann konnte eine der Nachbarinnen, die, da sie schräg gegenüber wohnte, gelegentlich zufälligen Kontakt mit den neuen Quartiergenossen hatte, nicht mehr an sich halten, ging auf die neue Nachbarin in gespielter Herzlichkeit zu und fragte unverblümt nach dem Kaufpreis.
Trixie wurde sie nach meiner inzwischen verblassenden Erinnerung genannt, manchmal auch mit dem despektierlichen Suffix „Trulla“. Denn sie stand im Verdacht, angepasst bürgerliches Verhalten nur zu simulieren und nicht vollumfänglich mit Herz und Verstand zu bejahen. Es ist mir bis heute unklar geblieben, was damit eigentlich ausgesagt werden sollte. Aber vielleicht lag die Botschaft ja gerade im Ungefähren, Unbestimmten, sodass ein jeglicher sich die verbleibenden Lücken mit seiner Fantasie füllen konnte oder auch sollte.
Die von Neugier gepeinigte Schräg-Gegenüber-Nachbarin wurde Dörte gerufen. Sie war eine etwas vollumfängliche Dame, die häufig ihren riesigen schwarzen Hund auf seinen gewohnten Gassi-Gängen begleiten musste – Hund führt Frauchen aus.
Nachdem Dörte nun unsere wehrlose Trixie mit allerlei simulierter Freundlichkeit weichgekocht hatte, ließ diese schließlich einen Kaufpreis heraus – sagen wir einfach einmal eine Million Euro. Für die Preisgabe dieser ursprünglich geheim gehaltenen Schlüsselinformation musste besagte Dörte allerdings ein Verschwiegenheitsgelübde ablegen – verbunden mit der sicherlich nicht recht ernst gemeinten Drohung: „Sonst bringe ich dich um!“
Nun ist es seit unvordenklichen Zeiten kein Geheimnis, dass sich nichts so schnell verbreitet wie unter dem Mantel der Verschwiegenheit offenbarte „Geheimnisse“. Bald also wusste das ganze Viertel Bescheid und nickte einander wissend zu, wenn man zufällig an dem hier in Rede stehenden Haus vorbeikam. Um nicht für den vorzeitigen Tod der doch als Gerüchte-Verbreitungszentrale hoch geschätzten Dicken Dörte verantwortlich zu sein, gab man sich zu diesem Thema allerdings bemüht wortkarg.
Nun begab sich aber an einem grauen Novembermorgen ein tragischer Vorfall: Ein unfreiwilliger Frühaufsteher, der ebenfalls von seinem Hund – um ein Malheur zu vermeiden – vorzeitig an die zu diesem frühen Zeitpunkt noch ungeliebte frische Luft getrieben worden war, wurde von ebendiesem Hund, nennen wir ihn der Einfachheit halber Bodo Beutlin, mit Dörtes Monster-Hund konfrontiert. Diesen wollen wir einfach einmal Napoleon taufen.
Napoleon war sehr aufgeregt. Der Grund dafür fand sich schnell. Unweit fand sich, lang ins noch taufeuchte Gras des breiten Straßenrands hingestreckt – Dörtes Körper. Alles Leben war bereits aus ihr entwichen. Auch hatte sie von irgendeinem Vorfall, der sich hier im trüben Licht des grauen Morgens noch keineswegs erschloss, erkennbar einige Verletzungen davongetragen.
Damit war aus der zufälligen Gruppe der über das Verschwiegenheitsgelübde Eingeweihten eine Schicksalsgemeinschaft der Geheimnisträger geworden. Aller Verdacht fiel natürlich sofort auf die arme Trixie. Ich hätte ihr ja vieles zugetraut – das hier aber nun gerade nicht.

