Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 2
Es gibt Augenblicke, in denen ein bürgerliches Wohnviertel aufhört, eine Ansammlung ordentlich finanzierter Eigenheime zu sein, und sich in eine Bühne verwandelt. Das geschieht meistens nicht bei Straßenfesten. Diese werden zwar eigens zu diesem Zweck veranstaltet, scheitern jedoch regelmäßig daran, dass alle Beteiligten gleichzeitig Würstchen essen und sich gegenseitig versichern, wie ungezwungen es diesmal wieder zugehe.
Ein wirklicher Bühnenwechsel bedarf eines stärkeren Mittels.
Einer Leiche zum Beispiel.
Kaum war Dörtes Körper im taufeuchten Gras entdeckt worden, erhielt der breite Straßenrand einen Rang, den er bis dahin nicht einmal in den Augen des Grünflächenamtes besessen hatte. Er war nun ein Tatort. Ein Tatort unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Ort vor allem dadurch, dass plötzlich niemand mehr etwas berühren darf, was zuvor jahrelang niemand hatte berühren wollen.
Der unfreiwillige Frühaufsteher, von dem bereits die Rede war, rief die Polizei. Dabei behauptete er später, seine Stimme sei ruhig und gefasst gewesen. Das war eine jener Aussagen, die nicht direkt falsch sind, sofern man unter Ruhe das stoßweise Einatmen eines defekten Blasebalgs und unter Fassung das dreimalige Fallenlassen des Telefons versteht.
Bodo Beutlin nutzte die Zwischenzeit, um an einem Busch zu schnuppern. Er war ein kleiner, brauner Hund von ungesicherter Abstammung, aber gesichertem Selbstbewusstsein. Napoleon, Dörtes riesiger schwarzer Begleiter, stand zwei Meter neben seiner Herrin. Er winselte nicht. Er bellte nicht. Er sah den Frühaufsteher nur an.
Dieser Blick sollte später noch eine Rolle spielen.
Zunächst kam ein Streifenwagen, dann ein Rettungswagen, dann ein zweiter Streifenwagen und schließlich ein Lieferwagen eines Bäckers, dessen Fahrer wegen des Blaulichts angehalten hatte und binnen sieben Minuten mehr wusste als die Beamten. Das ist keine Kritik an der Polizei. Der Bäckerfahrer verfügte lediglich über ein engmaschigeres Informationsnetz.
Die ersten Nachbarn erschienen in Morgenmänteln. Einige hielten Tassen in den Händen, andere Mobiltelefone, wieder andere beides. Hinter Fenstern bewegten sich Gardinen mit jener unnatürlichen Regelmäßigkeit, die den festen Glauben verrät, Gardinen könnten von selbst neugierig sein.
Dann erschien Trixie.
Sie trug einen grünen Wollmantel über einem geblümten Schlafanzug, rote Gummistiefel und in der Hand einen Regenschirm, obwohl es nicht regnete. Ihr Gesicht war bleich. Ob vor Kälte, Schrecken oder dem Bewusstsein, vor drei Wochen eine leichtfertige Todesdrohung ausgesprochen zu haben, ließ sich noch nicht sagen.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
Niemand antwortete sofort.
Es war der Moment, in dem eine Nachbarschaft, die bisher nur aus einzelnen neugierigen Menschen bestanden hatte, erstmals als Kollektiv dachte. Deren Gedanken waren nicht besonders klug, aber erstaunlich einheitlich.
Sie war es.
Frau Knobloch, pensionierte Oberstudienrätin für Deutsch und Geschichte, sah Trixie lange an. Herr Pahlke, Steuerberater im Vorruhestand, sah erst Trixie und dann ihr Haus an, als könne sich der Kaufpreis dort außen am Fallrohr materialisiert haben. Der junge Herr Yilmaz aus Nummer 18 hob unauffällig sein Telefon. Frau Söntgen flüsterte ihrem Mann etwas zu, das dieser bereits wusste, weil er es ihr am Vorabend selbst erzählt hatte.
Ein Polizeibeamter trat Trixie entgegen.
„Kannten Sie die Verstorbene?“
Trixie sah auf Dörte, dann auf Napoleon und schließlich auf die schweigende Reihe der Nachbarn.
„Ein wenig“, sagte sie.
Aus „ein wenig“ wurde noch am selben Vormittag „sehr gut“, gegen Mittag „intim“ und am Abend „sie hatten seit Wochen Streit“.
So nahm der Fall seinen Anfang.


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