Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 6
Frau Knobloch gründete die „Arbeitsgemeinschaft Wahrheit“. Sie vermied das Wort Task Force, weil es ihr zu amerikanisch klang. Herr Pahlke führte eine Verdächtigenmatrix in einer Tabellenkalkulation. Herr Yilmaz richtete eine verschlüsselte Chatgruppe ein, die er „Napoleons Augen“ nannte. Frau Söntgen übernahm die Informationsbeschaffung, für die sie weder Auftrag noch Ausbildung benötigte.
Die Gruppe traf sich in der Garage der Knoblochs. Zwischen Winterreifen und einem seit 1998 unbenutzten Dachgepäckträger hing eine Pinnwand. Auf ihr waren Fotografien, Lagepläne und farbige Fäden angebracht. Niemand wusste genau, weshalb Fäden bei privaten Ermittlungen unverzichtbar sind. Sie waren es aber. Das Fernsehen konnte sich unmöglich irren.
In der Mitte hing ein Foto von Trixie.
Links davon: Eugen Mertens.
Rechts: Viktor Voss, inzwischen fünfundachtzig und Bewohner einer Seniorenresidenz am Stadtrand.
Darunter: Napoleon.
„Man muss das Unmögliche ausschließen“, erklärte Frau Knobloch. „Was übrigbleibt, muss die Wahrheit sein, wie unwahrscheinlich es auch scheint.“
Sie berief sich auf Sherlock Holmes. Herr Pahlke strich daraufhin in seiner Tabelle den Posten „Außerirdische“ durch.
„Was bleibt?“, fragte Frau Söntgen.
„Trixie“, sagte Herr Pahlke.
„Das ist methodisch nicht korrekt“, wandte Herr Yilmaz ein.
„Warum?“
„Weil Sie nur das ausgeschlossen haben, woran Sie ohnehin nicht geglaubt haben.“
Frau Knobloch sah ihn streng an. „Junger Mann, wenn Sie alles problematisieren, kommen wir nie zu einem Ergebnis.“
Das war der Augenblick, in dem die Arbeitsgemeinschaft Wahrheit ihren wissenschaftlichen Anspruch definierte.
Die Theorien vermehrten sich.
Theorie eins: Trixie hatte Dörte wegen des verratenen Kaufpreises erschlagen.
Theorie zwei: Eugen Mertens hatte Dörte getötet, um belastende Unterlagen aus der „Blauen Stunde“ an sich zu bringen.
Theorie drei: Viktor Voss hatte einen professionellen Mörder geschickt.
Theorie vier: Napoleon hatte Dörte angefallen.
Theorie fünf: Dörte lebte und die Tote war eine Doppelgängerin. Diese Theorie stammte von Frau Söntgen, die sich auf die abweichende Frisur der Verstorbenen berief. Dass Dörte beim Auffinden im nassen Gras gelegen hatte, ließ sie nicht gelten. „Wasser verändert doch nicht die Persönlichkeit“, sagte sie.
Theorie sechs wurde nicht schriftlich festgehalten. Sie betraf den Apotheker, eine Lieferung Kalium und eine angebliche Liebschaft, die sich bei näherer Prüfung als Verwechslung mit einem Kundenbindungsprogramm herausstellte.
Herr Yilmaz versuchte, die Gruppe auf Tatsachen zurückzuführen.
„Wir brauchen eine Zeitlinie.“
„Wir brauchen ein Motiv“, sagte Frau Knobloch.
„Wir brauchen beides.“
„Junge Leute wollen immer alles gleichzeitig.“
Daraufhin beschlossen sie, zunächst Trixies Müll zu untersuchen.
Es ist bemerkenswert, wie schnell moralische Hemmungen verschwinden, wenn man sie als Ermittlungshindernisse bezeichnet.


No comments:
Post a Comment