Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 3
Kriminalhauptkommissarin Ada Martens traf um sieben Uhr zwölf ein. Sie war mittelgroß, trug einen dunkelblauen Mantel und besaß die seltene Gabe, einem Menschen zuzuhören, ohne ihm durch freundliches Nicken versehentlich recht zu geben.
Diese Eigenschaft wurde im Viertel zunächst als Kälte missverstanden.
Martens ließ den Bereich absperren. Ein Rechtsmediziner beugte sich über Dörte. Napoleon musste weggeführt werden, was keinem der Beamten gelang. Erst als Trixie leise „Napoleon, komm“ sagte, erhob sich das Tier, ging zu ihr und setzte sich an ihre linke Seite.
Ein hörbares Einatmen ging durch die Reihen.
„Der gehorcht ihr!“, flüsterte Frau Söntgen.
„Hunde vergessen nie“, antwortete Frau Knobloch mit einer Bestimmtheit, die sonst Jahreszahlen vorbehalten war.
„Oder sie kennen ihren Täter“, sagte Herr Pahlke.
Martens drehte sich um. Drei Köpfe verschwanden hinter einer Hecke.
An Dörtes Hinterkopf fand sich eine blutende Verletzung. Auf ihrer rechten Hand lagen oberflächliche Kratzspuren. Der Mantel war an der Schulter eingerissen. Neben ihr lag eine zerbrochene Lesebrille, obwohl Dörte beim Gehen nie gelesen hatte. Etwas weiter entfernt fand ein Beamter eine kleine silberne Feder, wie sie zu einem mechanischen Gerät gehören mochte, sowie ein Stück roten Kunststoffs.
Napoleons Leine war nicht an seinem Halsband befestigt. Sie lag in einer lockeren Schlinge um einen städtischen Begrenzungspfosten, einen jener niedrigen Metallbügel, die Autofahrer daran hindern sollen, den Rasen zu beschädigen, und Fußgänger dazu einladen, sich selbst zu beschädigen.
„Unfall?“, fragte der junge Streifenbeamte.
Der Rechtsmediziner hob eine Schulter. „Möglich.“
Dieses Wort gelangte nicht bis hinter die Hecke.
Dort wurde bereits die bedeutendere Frage verhandelt: Wer würde der Polizei von Trixies Drohung erzählen?
Alle wussten davon. Niemand konnte erklären, woher.
Frau Knobloch hatte es von Frau Söntgen erfahren, die es von ihrem Mann wusste. Herr Söntgen hatte es angeblich beim Bäcker aufgeschnappt. Der Bäcker bestritt das und verwies auf den Apotheker. Der Apotheker berief sich auf seine Schweigepflicht, was als Eingeständnis gewertet wurde. Herr Pahlke hatte die Information „aus zuverlässiger Quelle“, womit er in der Regel seine Frau meinte. Diese wiederum hatte sie von Dörte selbst, allerdings ausdrücklich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit.
Es war also niemand verantwortlich.
Verantwortung ist im bürgerlichen Leben ein Gegenstand, der beim Herumreichen auffallend schnell an Gewicht verliert.
Um zehn Uhr begann Kommissarin Martens mit den Befragungen. Um zehn Uhr siebenunddreißig verlor Herr Söntgen die Nerven.
„Sie hat ihr gedroht!“, stieß er hervor.
„Wer wem?“
„Trixie der Dörte. Sie werde sie umbringen, wenn sie den Kaufpreis weitererzähle.“
„Waren Sie dabei?“
„Nein.“
„Wer war dabei?“
„Dörte und Trixie.“
„Und woher wissen Sie es?“
Herr Söntgen schwieg. Es war nicht das Schweigen eines Mannes, der ein Geheimnis hütet. Es war das Schweigen eines Mannes, der gerade entdeckt, dass die logische Struktur seiner Aussage auf ihn selbst zurückweist.
„Es ist allgemein bekannt“, sagte er schließlich.
„Dann war es offenbar keine besonders wirksame Drohung.“
Martens notierte etwas.
Herr Söntgen versuchte, auf den Zettel zu sehen. „Schreiben Sie jetzt ihren Namen auf?“
„Nein. Ihren.“
Noch vor dem Mittagessen wusste das Viertel, Trixie stehe auf einer geheimen Liste der Polizei.
Das stimmte sogar.
Auf derselben Liste standen allerdings auch Napoleon, Bodo Beutlin, vierzehn Nachbarn, zwei Paketboten, der Bäckerfahrer, ein bislang unbekannter Radfahrer und das Wetter.


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