Trixie Trulla killt Dicke Dörte · Kapitel 5
Er legte eine rote Rose vor Dörtes Haustür.
Innerhalb von elf Minuten existierten drei Fotografien davon. Nach einer halben Stunde wusste Frau Knobloch, dass der Mann ein ehemaliger Zuhälter sei. Um vierzehn Uhr war er in der Darstellung Herrn Pahlkes zum „Unterweltkönig“ aufgestiegen. Gegen Abend verfügte er angeblich über Kontakte nach Marseille, Palermo und Buxtehude.
Sein wirklicher Name war Eugen Mertens. Er hatte vierzig Jahre lang Klavier gespielt, zuletzt in der Bar „Zur blauen Stunde“, die sich im Vergnügungsviertel befunden hatte, ohne selbst sehr vergnüglich zu sein.
Dörte hatte dort in jungen Jahren gesungen.
Nicht als „Dörte Söntgen“, wie eine frühe und falsche Variante des Gerüchts behauptete. Sie hatte nie Söntgen geheißen. Auch nicht als „La Dorata“, „Dora Fatal“ oder „Madame D.“ Sie war unter dem Künstlernamen Dolly Dorée aufgetreten, wobei das zweite e auf den Plakaten häufig fehlte, weil der damalige Drucker französischen Akzenten mit politischem Misstrauen begegnete.
Eugen Mertens zeigte Kommissarin Martens ein vergilbtes Foto. Darauf stand eine schlanke junge Frau in einem Paillettenkleid vor einem Mikrofon. Ihr Lächeln war kühn, ihr Blick ernst.
„Sie war gut“, sagte Mertens. „Nicht groß. Aber gut.“
„Hatten Sie Kontakt?“
„Bis zuletzt.“
„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
„Gestern vor einer Woche.“
„Worum ging es?“
Mertens legte beide Hände auf den Stockknauf. „Um alte Rechnungen.“
Martens wartete.
Auch dies war eine ihrer Fähigkeiten. Die meisten Menschen ertragen Schweigen schlechter als eine direkte Frage. Sie füllen es auf eigene Kosten.
„Nicht solche Rechnungen“, sagte Mertens. „Keine Rache. Richtige Rechnungen. Belege. Bauabrechnungen.“
In den späten achtziger Jahren hatte der Eigentümer der „Blauen Stunde“, Viktor Voss, begonnen, Häuser zu kaufen. Erst im Vergnügungsviertel, dann in besseren Lagen. Mertens behauptete, Voss habe bei Sanierungen gespart, Rechnungen manipuliert und Mängel überstrichen. Dörte habe für ihn zeitweise die Buchhaltung erledigt.
„Sie hat Kopien aufgehoben“, sagte Mertens. „Dörte hob alles auf. Rechnungen, Briefe, Speisekarten, Beleidigungen. Vor allem Beleidigungen.“
„Warum?“
„Weil sie der Meinung war, jeder Mensch brauche ein Archiv gegen die Erinnerung der anderen.“
„Und was hat das mit Frau Trullners Haus zu tun?“
Mertens sah sie an. „Das Haus gehörte früher einer Gesellschaft von Voss.“
Damit betrat der Kaufpreis ein zweites Mal die Handlung. Diesmal allerdings nicht als Gegenstand des Neides, sondern als mögliches Motiv.
Dörte hatte offenbar kurz vor ihrem Tod entdeckt, dass Unterlagen aus den neunziger Jahren noch heute erheblichen Wert besitzen konnten. Nicht weil Papier geduldig ist. Sondern weil Beton es manchmal nicht ist.


No comments:
Post a Comment